Mein Vater ist schwul


.....Dies ist für mich heute eine Tatsache die zu meinem ganz normalen Leben gehört. Ich kann dies offen jedem gegenüber sagen ohne mich zu schämen oder irgendein anderes Problem damit zu haben. Im Gegenteil, ich bin stolz auf meinen Vater, weil er ein guter Vater war und ist, meistens zumindest. Er ist zwar nicht immer einfach, aber welcher Vater ist das schon.


Doch was bedeutet es einen schwulen Vater zu haben? Bedeutet es überhaupt etwas? Oder ist es total egal? Wäre ich diplomatisch würde ich natürlich sagen es ist total egal und hat überhaupt keine besondere Bedeutung. Aber ich bin ehrlich und sage das ist es nicht. Gott sei Dank, denn nichts ist ernüchternder als Normalität. Und oh mein Gott, was ist da nur auf mich zugekommen? Denn man kann sagen was man will, oder mit der Situation so gut klarkommen wie man will, es werden immer Ereignisse und neue Gefühle auf einen zukommen die man nicht kennt und nicht einschätzen kann. Sie rollen über einen hinweg und man muss sie erleben.

Wenn ich also davon berichten soll wie es ist einen schwulen Vater zu haben muss ich mehrere Faktoren betrachten. Ein Faktor ist man immer selbst, dann natürlich, als Zweites, die restlich Familie und als drittes die „Öffentlichkeit“, Freunde, Bekannte, Kollegen und völlig fremde Mitmenschen die alle eine eigene Meinung zum Thema haben. Zudem muss die eigene Grundeinstellung zum Thema Homosexualität berücksichtigt werden. Das ist sehr wichtig, denn ich glaube die eigene Meinung zum Thema Homosexualität ist vor bestimmend für den Umgang mit der Situation einen schwulen Vater zu haben. Denn mein Vater war nicht immer schwul. Ich bin ganz „normal“ aufgewachsen, mit dem gängigen Familienbild von Mutter, Vater und zwei Kindern. Als es dann heraus kam das mein Vater schwul ist, ich hatte diese Entwicklung so nie bewusst erlebt, und er ausziehen würde begann für mich der Prozess über den ich heute hier sprechen möchte. Es hat sich mit einem Mal viel geändert und ich musste mich auf viel Neues einstellen und auch viele meiner vorherigen Meinungen und Standpunkte überdenken und mich neu orientieren. Denn es ist nicht einfach damit getan zu akzeptieren dass es so ist wie es ist, man muss auch akzeptieren dass es in viele deiner Lebensbereiche eingreift.

Ich stand der Homosexualität immer positiv und offen gegenüber. So bin ich von meinen Eltern erzogen worden und ich habe nie etwas Anderes als Respekt und Positives gegenüber Schwulen und Lesben empfunden. Das hat es mir einfacher gemacht erst einmal mit der reinen Tatsache der Homosexualität meines Vaters umzugehen. Was eher schwierig war und es auch heute noch oft ist, ist mein Bild von einer Familie und dem was die Öffentlichkeit denkt. Klar, viele von Ihnen werden sagen das, dass eine persönliche Angelegenheit ist die niemanden etwas angeht doch leider ist dem nicht so. Sobald du anders wirst und das bin ich geworden nachdem mein Vater sein Coming-out hatte, obwohl ich ja noch nicht einmal die Hauptperson war, bist du ein Thema für die Anderen zu dem jeder seine Meinung abgeben muss.

Doch erst einmal zurück zu mir und was das Coming-out meines Vaters bei mir ausgelöst hat, der erste Faktor sozusagen. Für mich war nicht das Coming-out das Problem. Ich muss zugeben das der Gedanke nun einen schwulen Vater zu haben schon etwas befremdend war und ich zugegeben erst ein wenig Angst hatte das er auf einmal: Gaaaanz anders werden würde. Das eigentliche Problem für mich war das ich meinen Vater so wie ich ihn bis jetzt hatte, verlieren würde. Denn mein Familienbild war einfach das meine Eltern ewig zusammen bleiben und sich immer lieben würden. Das zu akzeptieren, das dies nun nicht mehr so sein würde, war meine Hürde die ich nehmen musste. Ich hatte auch Probleme damit das mein Vater ausziehen würde. Ich dachte es würde unsere Beziehung vermindern. Ich hatte Angst das er nun keine Zeit mehr für mich hätte oder in seinem neuen Leben etwas finden würde was seine Aufmerksamkeit mehr bannen würde als ich. Doch dem war nicht so und ich gewöhnte mich daran das mein Vater nicht mehr zu Hause wohnt aber deswegen noch lange nicht aus meinem Leben verschwunden ist.
Und mal so ganz unter uns, am Ende musste ich feststellen das es für ein 16 Jähriges Mädchen auch definitiv seine Vorteile hat wenn der Vater nicht zu Hause lebt. Ein Elternteil weniger um das man sich kümmern muss.

Was mich dann gleich zum zweiten Faktor führt. Die restliche Familie. In meinem Fall meine Mutter und meine knapp vier Jahre ältere Schwester. Der schwierigste Punkt, Faktor, über den ich zu berichten habe. Und einer der Wichtigsten, Schmerzhaftesten, Hässlichsten und aber auch erfahrungsintensivsten Punkte. Eine Entscheidung von dem Ausmaß eines plötzlich schwulen Vaters oder Ehemannes wirft Probleme und Fragestellungen auf, die man vorher nie bedacht oder in Betracht gezogen hatte. Solch eine Entscheidung übt nicht nur einen großen Druck auf alle Beteiligten aus, es zerreißt auch die Familie so wie sie bis dato existiert hatte, was man aber auch gar nicht verhindern kann.
Jeder nimmt eine so grundlegende Veränderung anders auf, anders war und verarbeitet sie anders. Das produziert neben dem ohnehin schon bestehenden Druck auch noch große Spannungen. Denn diejenigen die mit der Situation schneller zurecht kommen, und dazu gehörte ich, leiden darunter das die anderen die noch Zeit brauchen die eigene Entwicklung ein wenig aufhalten. Genauso wie es für die, die halt länger brauchen, schwer ist zu verstehen das die Anderen manche Dinge eben nicht als störend empfinden und sie als gegeben akzeptieren.
Das war in unserer Familie natürlich nicht anders. Es war für jeden von uns sehr schwer für sich alleine mit der Situation klar zukommen und gleichzeitig für die anderen da zu sein. Denn das ist das allerwichtigste, das ein jeder für den Anderen da ist.
Es lässt sich nicht leugnen das eine solche Entscheidung etwas kaputt macht das sich so, nicht wieder erneuern lässt. Und gerade die gesamte Familie, eben immer noch als Einheit zu betrachten, denn das bleibt man irgendwie ein Leben lang, braucht Zeit die entstandene Lücke mit etwas Neuem zu füllen.
Ich will hier jetzt nicht weiter ein Klagelied anstimmen oder etwa den Eindruck entstehen lassen das mein Vater ein ganz, ganz Böser ist der an all dem Schmerz den eine solche Entscheidung nun mal auslöst die alleinige Schuld trägt. Obwohl er natürlich irgendwie doch dafür verantwortlich ist.
Ich will auch niemanden davon abbringen diesen Weg zu wählen, er ist auf jeden Fall besser als schweigen oder gar lügen. Das würde niemanden helfen. Was ich an diesem Punkt verdeutlichen möchte ist, das man sich klar sein muss das ein solcher Schritt viel Aufmerksamkeit und vor allem Arbeit bedeutet. Ich könnte an dieser Stelle viele Geschichten erzählen, die wir in der Zeit erlebt haben, ich könnte ihnen von vielen Gesprächen berichten die wir zu dieser Zeit geführt haben. Ich könnte Ihnen von den Tränen berichten die vergossen wurden. Doch das alles würde nicht im mindesten widerspiegeln wie es im Inneren eines jeden Einzelnen aussah und wie es im Inneren der Familie aussah. Ich kann nur versuchen allen hier klar zu machen das eine solche Phase Kraft erfordert, viel Zeit verlangt und auch viele Gespräche. Nur dann wird sich etwas Neues bilden das die Zukunft ausfüllt und für die Zukunft stark macht.
Denn selbst wenn man in der Familie langsam beginnt sich mit den Neuheiten anzufreunden, gibt es immer wieder Rückschläge und Hiebe die einen aus der Bahn werfen. Und diese Hiebe gehen von Faktor drei aus, der Öffentlichkeit, und dem wenn man den Zeitraum als Maß nimmt vielleicht bedeutendsten Faktor. Das Schwulsein meines Vaters wird in der Öffentlichkeit noch lange Anstoß finden und Fragen auslösen. Denn nur weil für dich die Tatsache einen schwulen Vater zu haben irgendwann genauso bedeutend ist wie das morgentliche Weckerklingeln ist das für andere noch lange nicht so. Ich persönlich muss sagen ich habe bisher nur gute Erfahrung in dieser Hinsicht gemacht. Alle meine Freunde haben die Neuigkeit gut aufgenommen und sie völlig problemlos akzeptiert. Wir haben uns darüber unterhalten und uns ausgetauscht, weil einige von ihnen auch Trennungskinder sind und sie haben mir immer Rückhalt gegeben. Auch mit meinen Arbeitskollegen bei meinen zahlreichen Nebenjobs gab es nie Probleme. Sicher erst wurde blöd geguckt, dann etwas scheu nachgefragt, wie das denn so sei, und dann wurde es von allen akzeptiert. Scheu ist sowieso eines der Gefühle die einem bei einer solchen Information entgegen schlägt. Neben Neugier, Abscheu, Angst oder ganz striktes Verdrängen. Denn niemand will sich selber bloßstellen im Umgang mit so einer Neuigkeit. Um ehrlich zu sein ich finde das immer äußerst lustig. Es macht Spaß den Leuten die Angst vor etwas zu nehmen was an sich so harmlos ist. Obwohl einen manche Menschen auch mit ihren sehr fortschrittlichen Gedanken zu dem Thema verblüffen. Ich bin jetzt schon zweimal gefragt worden ob ich ein im Labor gezeugtes Kind bin und ich quasi zwei Väter habe. Aber solch revolutionäre Gedanken sind eher selten. Überhaupt ich hatte bis jetzt Glück mit meinen Bekanntschaften. Denn ich weiß das es auch anders geht. Denn Homosexualität ist nicht unbedingt ein beliebtes Thema in der Öffentlichkeit, entweder wird sie akzeptiert oder, was leider viel häufiger vorkommt, wird sie abgelehnt. Allen hier dürfte ja hinlänglich bekannt sein das viele große Institutionen, wie unter anderem die katholische Kirche, die Homosexualität verteufeln. In meinen Recherchen zu diesem Thema, denn ich wollte mal schauen wie der allgemeine Stand so ist, bin ich sogar darauf gestoßen das Homosexualität lange Zeit als psychischer Defekt galt und man Homosexuelle zu einer Freiheit entziehenden Einweisung in eine forensische Psychiatrie zwingen konnte. Mein Vater mag, wie gesagt, etwas eigen sein aber einen psychischen Defekt hat nicht. Ich erlebe es in meiner eigenen Generation ganz deutlich. Der Begriff „schwul“ hat hier nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun sondern ist ein Synonym für weichlich, schlecht, langweilig und grundsätzlich negativ. Des weiteren habe ich im Internet per Zufall eine Strophe aus einem Lied entdeckt das ein so genannter Rapper namens G-Hot schrieb und das auch produziert wurde obwohl es natürlich nie zur Veröffentlichung kam. Bei diesem folgenden Auszug wird auch deutlich warum das ehemalige Label dieses Rappers, Aggro Berlin, einschritt und sich von solchen Aussagen distanzierte.

„Was ist bloß passiert, sie werden akzeptiert,
es gab Zeiten da wurden sie mit der Axt halbiert,
heute stellen die Medien Gays als normal dar,
du kannst ihnen heute sogar dein Kreuz geben am Wahltag“

Für den besagten Rapper haben homosexuelle Menschen „kein Leben verdient“.

Deutlich wird das Homosexualität für unsere Gesellschaft eine Kontroverse darstellt die heiß diskutiert wird. Und dabei werden schwule Väter noch nicht einmal besonders bedacht. Es reicht vielen Menschen ja schon völlig aus das es überhaupt homosexuelle Menschen gibt, aber dann auch noch schwule Väter. Das verdirbt doch die Jugend. Ich fühle mich nicht verdorben. Ich meine ich verdiene mein eigenes Geld und werde von meinem Vater und meiner Mutter trotzdem immer unterstützt. Ich habe ein gutes Abitur gemacht und werde ab diesem Wintersemester mit dem Studium beginnen. Völlig normal also.

Alles das was ich ihnen heute hier erzählt habe ist nur ein Minimum dessen was man zu dem Thema sagen kann. Denn es ist gefühlsbetont, schwierig und ja, wie wir sehen, politisch wirksam. Es ist nicht leicht einen schwulen Vater zu haben, weil es einen Prozess mit sich bringt der weh tut und der anstrengend ist. Aber es eröffnet dir auch eine neue Welt und macht einen zu einem, wie ich glaube, vielschichtigeren Menschen.
Also falls es bis jetzt noch keiner bemerkt haben sollte: „Mein Vater ist schwul und das ist auch gut so!“

Henrike, 20 Jahre, Tochter eines schwulen Vaters

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