Coming Out mit 28, das kann nicht sein


Im Jahr 1998 wurde mir endlich klar, das ich nicht mehr so weiter leben wollte wie bisher. Ich wusste nicht mehr weiter und auch nicht was mit mir los war. Aber alles begann schon viel früher:

Also, es war irgendwann in meiner Pubertät, es müsste so mit 13 Jahren gewesen sein. Ich merkte das mich Fotos von nackten Jungs und gut aussehenden Männern tierisch anmachten. Aber so etwas ist ja nicht normal.....deshalb habe ich auch groß keine weiteren Gedanken damit verschwendet. In der Schule hatte ich dann mal mit gleichaltrigen Klassenkameraden den ersten erotischen Kontakt. Wir haben uns heimlich getroffen und mochten die Zärtlichkeiten sehr. Oral und Onanieren pur. Von einigen Mitschü lern wurde ich schon als "SCHWULER" bezeichnet, wobei ich natürlich alles abstritt, dagegen anging und auch nicht den Mut besaß, zu mir selbst zu stehen. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich. Die Leistung in der Schule nahm rapide ab und ich hatte viel Mühe meinen Schulabschluss zu bekommen. Eine Freundin hatte ich zwar, aber doch mehr um dazugehören zu können, mehr nicht.

Mit 16 Jahren begann ich meine Ausbildung, mit Frauen hatte ich bisher immer noch nichts am Hut. 1989, ich war nun 20, lernte ich eine sehr nette Frau kennen, in die ich mich sofort verliebt hatte. Mein Gedanke war......"Ich habe mich doch getäuscht".......ABER....Irrtum, denn auch als ich mit ihr zusammen war, ließen mich meine Gedanken von Männern nicht los. Mein Traum war es, eine kleine Familie zu gründen. 1992 habe ich dann meine große und erste LIEBE geheiratet. Ich war glücklich, aber le ider nicht lange. Ja und dann haben wir 1993 angefangen ein Haus zu bauen. Unsere Träume wurden wahr, als 1994 unser Sohn geboren wurde. Wir waren nun eine kleine glückliche Familie mit Eigenheim. Unsere Tochter wurde dann 1996 geboren. Alles war perfekt.

In all den Jahren hatte auch ich erotische Nachtträume, mit dem Unterschied, das in diesen Träumen nie ein Frau vorkam. Ich hatte heftigen Sex mit Männern wobei ich in meinen Träumen immer zum Höhepunkt kam. Für mich war das alles sehr verwirrend. Der Drang nach Zärtlichkeit mit einem Mann wurde immer größer und fast unerträglich für mich. Ich habe in meinem Inneren einen unermüdlichen Kampf gegen mich selbst geführt.

Als ich 1997 den Weg ins Internet bekam, lernte ich auch die berüchtigten Chat-Räume kennen. Mit diesem Medium war es für mich nun sehr leicht Kontakt zu schwulen Männern aufzubauen und das ganze auch noch anonym. Hier habe ich dann meine Erfahrungen ausgetauscht. Dabei hatte ich sehr viel Spaß und das Gefühl ich bin nicht der Einzigste. Mit der Zeit habe ich mich mit einigen Männern online angefreundet. Mit dem ein oder anderen gab es dann ein One-Night-Stand.

Im Februar 1998 kam ich nun an den Punkt, wo ich mir selber nicht mehr sicher war, was mit mir los ist. Ist es vielleicht doch nur eine Phase, die vorüber geht?! Ich wusste nicht mehr weiter. Das Verhältnis zu meiner Frau stumpfte langsam ab. Ich hatte sehr viel Mühe meine Frau nun noch richtig glücklich zu machen. Und ich selber war es ja schon lange nicht mehr. Bin ich wirklich schwul?? Ich hatte keine Perspektive mehr.

Nach ein paar Versuchen lernte ich dann einen gutaussehenden Mann kennen, mit dem ich eine seltsame Vertrauensbasis über das Internet aufbaute. Er schickte mir einige Fotos von sich per Email, er gefiel mir und ich wusste, das soll ER sein. Da er in einer Partnerschaft lebte war ein Treffen mit ihm nicht ganz so einfach, da sein Freund davon nichts erfahren sollte. Aber nach ein paar Tagen haben wir es geschafft uns zu treffen. Auf der Fahrt zu ihm wurde mir sehr seltsam in der Magengegend. Ich war aufgeregt wie noch nie. Zu Anfang unterhielten wir uns noch über mich und meine Probleme. Er saß auf der Couch neben mir, aber ich hatte Angst den Anfang zu machen. Er merkte es und sagte mir, ob ich sicher bin, das ich es wirklich will. Auf jeden Fall, für mich gab es nun kein zurück mehr. Er machte den Anfang und in mir war ein Feuerwerk, nein ein Vulkanausbruch von Gefühlen. Ich kann es kaum beschreiben was hier in mir passierte. In den nächsten Stunden entdeckte ich meinen Körper von e iner ganz anderen Seite. Ich verspürte ein Lustgefühl, das ich bisher noch nicht kannte. Ich lernte Sachen kennen, die mich unheimlich glücklich und zufrieden machten. Danach setzte mich in mein Auto und fuhr nach Hause. Mir zitterten die Beine und ich war der glücklichste Mann der Welt. Nun hatte ich für mich selber die Klarheit, die ich brauchte. Aber auch ein großes Problem mehr. "Wie sage ich es meiner Frau"????

Die Tage und Wochen vergingen! Ich traf mich noch öfters mit diesem Mann und meine Gefühle für das gleiche Geschlecht wurden immer größer. Ich verabredete mich nun auch noch mit anderen Männern über das Internet und führte so ein Doppelleben von zwei Monaten.

Diesem Mann habe ich viel zu verdanken, denn er brachte mir die richtigen Schritte bei. Ich wusste doch gar nichts und ohne seine Unterstützung wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Auf seinen Rat hin, suchte ich professionelle Hilfe. Ich nahm Kontakt zu einem Theologen in Düsseldorf auf, mit dem ich mich sehr lange und intensiv über meine Empfindungen unterhielt. Ein paar Tage später nahm ich dann den ersten Kontakt zu der Selbsthilfegruppe "Schwule Väter Köln" auf. Ich bin froh das ich d iese Schritte unternommen habe. In einer solchen Situation ist es sehr wichtig, das man Freunde hat die einem den Rücken stärken und für einen da sind, wenn man Hilfe braucht. Ich habe in dieser Gruppe gelernt mit meinen Problemen und mit meinem neuen Leben umzugehen, das ich durch mein Schwulsein bekam.

Nachdem meine Frau Bescheid wusste, entfachte sich ein Hass und Krieg in unserer Familie. Ich konnte mit meiner Frau nicht mehr vernünftig reden. Sie ließ mich kaum noch zu Wort kommen und gebrauchte mir gegenüber die übelsten Schimpfwörter, die man sich vorstellen kann.

Nach meinem Coming Out zog ich vorübergehend zu meinen Eltern. Hier stieß ich leider nur bei meiner Mutter auf etwas Verständnis meiner Situation. Der Rest meiner Familie akzeptierte mich und versucht mit der neuen Situation umzugehen. Zu meinem Erzeuger habe ich bis heute kein Kontakt mehr.

Von Juli 1999 bis März 2004 hatte ich meine erste feste Beziehung mit einem Mann. Diese ging dann nach fast 5 Jahren in die Brüche. Danach musste ich erst einmal meinen Frust wieder loswerden und traf mich häufig mit anderen Männern. Damit ist nun Schluss. Seit Oktober 2004 bin ich wieder glücklich in festen Händen. Meine beiden Kinder verstehen sich mit meinem jetzigen Partner sehr gut.

Ich kann nur jedem anderen Mann empfehlen, der vielleicht das gleiche oder etwas ähnliches durchmacht, sich an eine Selbsthilfegruppe, Coming Out Gruppe oder an eine andere Organisation zu wenden. Mir hat der Zuspruch von anderen Betroffenen und der Erfahrungsaustausch sehr geholfen.