Thema: Schwule Väter – spätes Coming-Out


Bernhard ist seit vielen Jahren bei den Schwulen Vätern Köln aktiv. Er hatte sein Coming-Out vor 13 Jahren, war 20 Jahre verheiratet und hat drei Kinder.
Kürzlich hat er auf Einladung der Veranstalter des „KultCafe“ im „Rubicon“ in Köln einen Vortrag zum Thema „Schwule Väter-spätes Coming-Out“ gehalten, den Ihr hier nachlesen könnt. Neben dem eigenen Erleben hat er dabei seine Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe der Schwulen Väter Köln eingebracht.

1.    Charakterisierung der typischen Fallgruppe

In der Gruppe schwuler Väter erleben wir in der Erstberatung junge, aber auch ältere Väter, die unseren Rat suchen, weil sie nicht mehr weiter wissen. Sie ahnen oder wissen, dass sie schwul sind, haben aber trotzdem geheiratet, waren einige Jahre mehr oder weniger glücklich verheiratet und haben Kind(er). Meist haben sie nach
außen eine vorbildliche Ehe geführt, fühlen aber, dass sie ihr bisheriges Leben so nicht weiterleben können. Meist über das Internet und die dort angegebenen Telefon-Nummern nehmen sie Kontakt zu unserer Gruppe auf und kommen dann zu unseren Gruppenabenden am ersten Freitag im Monat in der Feuerwache in Köln. Wie kommt es dazu, dass junge Männer auch heute noch zunächst heiraten, obwohl sie wissen oder ahnen, dass sie schwul sind, Kinder zeugen und zunächst ein braves, bürgerlichen Normen entsprechendes Familienleben führen und erst dann ihr Coming-Out suchen? Ich will versuchen, darauf im Folgenden eine Antwort zu geben.

2.     Ursachen für das späte Coming out/Erklärungsversuche


a) Das Problem der Identitätsfindung
Nach heutigen Erkenntnissen unterliegt die sexuelle Identität nicht der freien Entscheidung des Einzelnen. Man kann sie sich nicht aussuchen. Man ist entweder schwul oder nicht, hetero- oder bisexuell oder was auch immer. Dabei kann offen bleiben, ob die sexuelle Prägung genetisch oder psychisch/soziokulturell bedingt ist.
Eine ganz andere Frage, ob und wann wir uns unserer sexuellen Identität bewusst werden. Typischerweise geschieht dies in der Jugend, wenn wir in die Pubertät kommen und erwachsen werden. Wir interessieren uns mehr für Jungen oder Mädchen, machen unsere ersten sexuellen Erfahrungen, verlieben uns. Eigentlich sollte man meinen, dass jeder Jugendliche mit 18 oder 20 J. herausgefunden haben sollte, wer er ist und worauf er steht.
Aber so einfach ist das nicht. Das Erfahren der eigenen sexuellen Identität wird vielfach überlagert durch Einflüsse von außen, durch Erziehung und Umwelt. Homosexualität gilt in der Gesellschaft als abartig, unnatürlich, sündhaft. Schwul zu sein wird als Makel empfunden. Angst vor Mobbing. Je stärker diese Einflüsse sind, je mehr die dahinter stehenden Werturteile verinnerlicht werden, umso schwieriger ist es, sich darüber hinwegzusetzen. Irgendwo ahnen wir, dass wir schwul sind, haben aber Angst, die Frage wirklich zu klären. Wir wissen niemanden, mit dem wir offen über unsere Ängste sprechen können und der uns helfen könnte. Die Frage der eigenen sexuellen Identität bleibt so zunächst ungeklärt.

b) Verdrängung
Schließlich verdrängen wir die mögliche Homosexualität als eine uns unangenehme Wahrheit. Wir passen uns nach außen den vermeintlichen gesellschaftlichen Normen an und versuchen, ein möglichst normales Hetero-Leben zu führen. Um nur ja als normal zu gelten, suchen wir uns eine Frau, meist aus dem näheren Umfeld, haben Sex mit ihr, stellen fest, dass es funktioniert und vielleicht sogar Spaß macht.

c) Heirat
Irgendwann, meist nicht von uns, kommt die Frage nach der Heirat und damit die Stunde der Wahrheit. Ich kann mich an diese Situation sehr gut erinnern. Bis zum letzten Moment habe ich gezögert, ob ich heiraten sollte. Über meine Ängste konnte ich mit meiner Frau nicht sprechen. Alle Andeutungen, irgendetwas könnte mit mir nicht in Ordnung sein, wurden von ihr als unsinnig zurückgewiesen. Ob ich wirklich schwul war, wusste ich nicht, ebenso wenig, ob ich meine Frau wirklich liebe. Irgendwie wollte ich Ordnung in mein Leben und meine ungeklärten Gefühle bringen und sehnte mich nach Geborgenheit. Die Angst, allein zu sein und die Hoffnung, es werde schon irgendwie gut gehen, überwog alle Bedenken. Ich habe sie geheiratet, war ein treuer und fürsorglicher Ehemann und hatte mit Ihr drei Kinder.

d) Auftretende Probleme
Wirklich glücklich bin ich in dieser Beziehung jedoch nicht geworden. Ich bekam chronische Kopfschmerzen und wurde depressiv. Die unterdrückte Psyche forderte Ihren Tribut. Erst nach mehreren Therapien ist mir klar geworden, was mit mir los war. Schließlich habe ich nach fast 20 Jahren Ehe und immerhin fast 46 Jahren mit meiner Frau gesprochen und ein Chaos angerichtet.
Warum erzähle ich das? Es ist der Versuch zu erklären, warum viele schwule Väter ein relativ spätes Coming-out haben. Natürlich gibt es junge schwule Väter mit jüngeren Kindern. Der eine bricht früher, der andere später aus der Ehe aus. Doch scheint mir das Muster in den meisten Fällen ähnlich. In nur ganz wenigen Fällen ist die Frage der sexuellen Identität vor der Ehe wirklich geklärt gewesen. Selbst wenn es früher auch sexuelle Kontakte zu Männern gegeben hat, wurde der Versuch unternommen, zunächst mit einer Frau eine Ehe zu führen und Kinder zu haben. Der Wunsch nach Geborgenheit in einer Familie und nach Kindern scheint ganz tief in uns zu sitzen. Die wenigsten Frauen haben von der potentiellen Homosexualität ihrer Männer etwas gewusst, haben jedenfalls nicht ernsthaft daran geglaubt. Offen gesprochen wurde darüber jedenfalls nicht. Wenn überhaupt wurde die eigene Homosexualität heimlich auf Parkplätzen oder in Saunen ausgelebt.

 

2. Coming- out
Irgendwann geht es so nicht weiter. Entweder kommt die Frau dahinter oder der Druck nimmt so zu, dass irgendeine Lösung gefunden werden muss. Damit bin ich bei der Frage, was das Coming-out schließlich auslöst.
An erster Stelle ist das Gefühl der Unzufriedenheit zu nennen, später gepaart mit Depressionen, Kopfschmerzen und anderen psycho-vegetativen Erscheinungen. Die Psyche rächt sich gewissermaßen für die Vergewaltigung, die wir ihr angetan haben.
Gepaart ist dies mit einem nachlassenden sexuellen Interesse an unserer Frau, vielleicht gepaart mit Männerphantasien. Wir beginnen zu fragen, was mit uns los ist, nehmen unser Interesse für Männer wahr, stellen fest, dass uns Plakate oder Bilder mit nackten Männern anmachen. Schließlich wollen wir „es“ wissen: Sind wir schwul oder nicht?
Natürlich kann es auch sein, dass wir uns plötzlich in einen Mann verlieben.


Was nun? Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo wir entscheiden müssen, ob wir so weiterleben wollen wie bisher oder nicht. Manche versuchen zunächst, ihr Coming-out solange als möglich aufzuschieben, irgendwie Ehe, Familie und das sexuelle Interesse für Männer unter einen Hut zu bringen. Dies mag eine Zeit lang gut gehen und hängt davon ab, wie stark Ängste und ein schlechtes Gewissen den Drang nach Klärung der Konfliktlage überlagern . Je stärker die Beharrungsmomente sind, um so länger dauert es, bis es schließlich zum Knall kommt. Irgendwann geht es nicht mehr so weiter. Am Coming out führt kein Weg mehr vorbei.

3. Typische Probleme
Die entstehende Konfliktlage ist immer die gleiche:
- Wie sage ich es meiner Ehefrau? Wie mache ich ihr klar, dass ich schwul bin?
- Wie sage ich es meinen Kindern?
- Wie mache ich das meinen Freunden, Eltern, Schwiegereltern klar?
- Welche Auswirkungen hat das auf meine berufliche Stellung?
Gepaart ist dies mit der Angst, das gesamte bisherige Beziehungssystem könnte zusammenbrechen, aufgeben zu müssen, was man sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat und ohne wirklich zu wissen, worauf man sich einlässt. Die schwule Welt ist den meisten Vätern unbekannt. Wie sollen sie darin zurecht kommen, neue Freunde finden? Wird man als schwuler Vater in der Szene akzeptiert? Ist man nicht schon zu alt?
Eine Fülle von Fragen mit ungewissen Antworten. Es gehört schon eine Menge Mut dazu, den Schritt zu einem ehrlicheren Leben zu wagen, sich zu seiner schwulen Identität zu bekennen und all die Risiken in Kauf zu nehmen, die mit einem solchen Schritt verbunden sein können.

2.     Hilfen zur Konfliktlösung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, bei der Konfliktlösung zu
helfen. Zum einen besteht die Möglichkeit professioneller Hilfe durch Psychotherapeuten. Daneben gibt es Selbsthilfegruppen wie die Schwulen Väter Köln. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, etwas Näheres über unser Selbstverständnis und unsere Angebote zu sagen. Wir sind zunächst Anlaufstelle, um Erstberatungen durchzuführen. Wir versuchen, den hinzukommenden schwulen Vätern das Gefühl zu vermitteln, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. In der Gruppe besteht die Möglichkeit, im Gespräch mit den anderen herauszufinden, wie diese die Probleme für sich gelöst haben und welches der für sie richtige Weg ist. Natürlich ist die Gruppe auch Kontaktforum. Schon viele Paare haben sich bei den schwulen Vätern gefunden. Gemeinsame Erfahrungen verbinden. Und wenn wir nicht den Partner gefunden haben, dann Freunde, mit denen wir etwas unternehmen können und mit denen wir über uns sprechen können.

3.     Schlussbemerkung

Ich finde es erschreckend, dass es heute immer noch möglich ist, dass über Fragen der sexuellen Orientierung nicht offen gesprochen werden kann und Jugendliche in ein Rollenverhalten gedrängt werden, das ihrer sexuellen Identität nicht entspricht. Die Fehler bei der sexuellen Identitätsfindung müssen später teuer bezahlt werden.
In der Gruppe Schwule Väter versuchen wir zu helfen, den Weg zur eigenen zunächst verdrängten schwulen Identität zu finden, Ängste abzubauen und soweit in einer Selbsthilfegruppe möglich, Hilfen zur Lösung der unweigerlichen Konflikte anzubieten. Daneben versuchen wir, in der Öffentlichkeit zu wirken, damit schwule Väter als Problemgruppe überhaupt wahrgenommen werden. Was wir alle brauchen, ist mehr Toleranz und Offenheit, damit Schwule sich nicht verstecken müssen und Jugendliche die Frage ihrer sexuellen Identität frei von gesellschaftlichen Zwängen klären können.