Coming Out mit 52 Jahren und 2 erwachsenen Kindern


Aus verständlichen Gründen, die beim weiteren Lesen dieser Lektüre klar werden, möchte ich anonym bleiben. Dennoch sollte der Leser eine gewisse Vorstellung von meiner Person erhalten. Aus diesem Grund habe ich mir ein Pseudonym zugelegt. Aus gleichem Grund sind auch alle anderen Personen, die hier in meinen Beschreibungen auftreten, mit geänderten Namen versehen worden. Ebenso habe ich Schilderungen, die zu leicht auf meine Identität oder die meiner Familie schließen lassen könnten, leicht abgeändert.

Bevor ich meine Geschichte erzähle, möchte ich mich mit meinen wichtigsten Daten vorstellen:

Zeitpunkt: Sommer 2000

Name: Michael Kaiser
Titel: Dr.-Ing.
geboren: 1948
Wohnort: eine mittelgroße Stadt in Deutschland
Größe: 190 cm
Gewicht: 82 Kg
Statur: schlank
Haare: grau, etwas struppig, aber noch alle vorhanden
Augenfarbe: blau, Brillenträger
Status: verheiratet (mit Claudia)
sex. Orientierung: bi / schwul
Anzahl Kinder: 2 (Stefan 21, Christoph 18)
Beruf: Systemanalytiker
Hobbys: Computer, Musik, Science Fiction, Wandern, Garten
Ich hasse: Spinnen im Haus (die armen Tiere können nichts dafür)
Grund dieser Geschichte: Ich habe ein Problem, das ich los werden muss

Der Steckbrief lässt auf einen ganz normalen Menschen schließen, bis auf einige Punkte, die einen stutzig werden lassen:

Der Typ ist schwul
und ist verheiratet
und hat Kinder
und ist auch nicht mehr der jüngste.

Das erste ist mein Problem, mit dem ich seit ca. 1995 herumlaufe. Denn damals ist mir erst bewusst geworden, dass ich schwul bin. Vorher hatte ich dieses Thema total in mein Unterbewusstsein verdrängt, bzw. ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich selbst als schwul zu bezeichnen. Erst der Vergleich meines Lebenslaufs, mit den von anderen im Internet veröffentlichten brachte mir die Erkenntnis, dass ich schwul bin und ich auch so fühle. Kürzlich las ich den Begriff 'latent homosexuell' (auf deutsch: verdeckt schwul). Ich finde den Ausdruck schrecklich, da er sich wie eine Krankheit oder psychische Störung anhört; er könnte aber auf mich zutreffen.

Aber passt dazu der zweite Punkt, dass ich verheiratet bin? Ich denke ja. Erstens, zum Zeitpunkt meiner Heirat betrachtete ich mich nicht als schwul. Ich hatte mich zwar nie für Mädchen interessiert, betrachtete aber die Heirat als einzige Möglichkeit, meine Einsamkeit zu beenden. Zweitens, ich lebe nicht mein Schwulsein. Ich erfreue mich zwar am Anblick hübscher junger Männer, baggere sie aber nicht an oder gehe auf Kontaktsuche. Und außerdem kann meine Frau sicher sein, dass ich mir nicht eine Freundin anlache ;-)  Und der dritte Punkt: Kinder? Warum nicht? Erstens lebe ich das Leben eines Hetero, bilde mir ein, ein ganz normaler Familienvater zu sein und zweitens liest man immer wieder Berichte, dass sich auch Schwule Kinder wünschen. Und außerdem sind mittlerweile beide Söhne erwachsen.

Ja und am letzten Punkt kann ich auch nichts ändern. Es ist leider so! Wenn ich heute 18 wäre, würde ich wahrscheinlich ein ganz anderes Leben anfangen. Heute gibt es viel weniger Zwänge und Vorschriften durch die Gesellschaft, in die man sich vor 34 Jahren, als ich so alt war, mehr oder weniger fügen musste, bzw. es nicht anders kannte. Außerdem kann man heute über das Internet sehr viel Information erhalten, die es damals einfach nicht gab. Dies fängt mit Adressen für Schwulen-Gruppen an und hört mit Diskussions-Foren oder zielgerichteten Websites noch lange nicht auf.

Mein Problem habe ich oben schon kurz angesprochen: Ich lebe als Hetero, fühle mich als schwul / bi und kann mit niemanden darüber reden. Mit meiner Frau darüber zu reden traue ich mich nicht. Sie ist direkt Betroffene. Ich habe sie sehr gerne und möchte sie nicht vor den Kopf stoßen. Den Teil meiner Lebensgeschichte, den ich hier aufgeschrieben habe, kennt sie nicht, bis auf die Stellen, in denen sie direkt beteiligt ist. Sie könnte mir vorwerfen, einige Details meines Lebens verschwiegen zu haben und unser gemeinsames Leben als eine Lüge betrachten. Daher habe ich mich nach langem Zögern entschieden, hier einen seelischen Striptease zu veranstalten und entschlossen, mein persönliches Problem in der anonymen Öffentlichkeit des Internets auszubreiten, in der Hoffnung, Rückmeldungen von Lesern zu erhalten, denen es ähnlich ergeht wie mir, oder die mir bei meinem Coming Out helfen wollen. Ich denke, selbst wenn ich darüber nur mit meiner Frau sprechen wollte, ist dieses Gespräch als Coming Out zu bezeichnen. Ich habe nicht vor, meinen Lebensstil zu ändern. Ich möchte ganz einfach nur mit jemandem darüber reden können.

Im Internet wird viel Hilfe für Jugendliche in ihrer Phase des Selbstzweifels angeboten. Für ältere (ich bin über 50) ist kaum etwas zu finden. Vielleicht ist dieser Bericht auch ein kleiner Anstoß, die älteren nicht zu vergessen, die sich durchaus genauso wie 16-jährige selbst in Frage stellen können.

Hier ist meine Lebensgeschichte:

Ich wurde im Jahre 1948 geboren, eine Zeit, die durch die Zerstörungen des Krieges und die dadurch erzwungenen Improvisationen geprägt waren. Meine Eltern wohnten in einer teilweise zerbombten Notwohnung. Gelebt wurde zum größten Teil von Kartoffeln und Bohnen, die in einem kleinen Garten nahe des Hauses angebaut wurden.

Bewusst habe ich meine Eltern erst mit ca. 5 Jahren kennen gelernt. Zuvor habe ich längere Zeit bei meinen Großeltern gelebt, da mein Vater lange Zeit schwer krank war und meine Eltern mit meinen beiden älteren Brüdern sich zu einem mehrjährigen Kuraufenthalt in der Schweiz aufhielten. Ich war wohl noch etwas zu klein.

Meine Kindheit habe ich, nachdem ich eingeschult worden bin, wahrscheinlich in gleicher Weise wie alle anderen Kinder aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie jener Zeit erlebt. Ich kann mich noch an eine Begebenheit erinnern als ich etwa 7 Jahre alt war. Bei einem Schulausflug während des Versteck-Spieles hockte ich zusammen mit einem Mädchen unter dem gleichen Busch. Sie wollte unbedingt meinen 'Pipi' sehen. Sie würde mir dann auch ihren zeigen. Ich zeigte keinerlei Interesse und wimmelte sie mit dem Hinweis, auf die Gefahr des entdeckt werden, ab. Wie man sieht, hatte ich schon in diesem frühen Alter kein besonderes Interesse am weiblichen Geschlecht ;-)

Ich wurde sehr katholisch erzogen, musste also jeden Sonntag zur Messe und einmal pro Monat beichten. Was hat man als Kind überhaupt zu beichten? Man musste die 10 Gebote durchgehen, und zu jedem der Gebote, zu dem man etwas verbotenes getan hatte, musste man seine Sünde gestehen. Ich saugte mir jedes mal irgendeine 'Sünde' aus den Fingern, nur um etwas sagen zu können. Ich erinnere mich noch genau: Ich war gerade 12 Jahre alt und musste mal wieder zur Beichte. Beim sechsten Gebot fiel mir nichts ein, außer, dass ich meinen Bruder mal nackt gesehen hatte (ohne einen sündigen Gedanken!). Da fragte der Pastor, ob ich denn schon mit meinem Glied spielen würde, daran herumdrücken oder daran reiben würde und ob vorne etwas herauskommen würde. Das war für mich vollkommen neu; ich sagte also 'Nein'. Wieder zu Hause machte mich diese Frage neugierig. Ich wusste ja, dass alles, was als Sünde verboten war, doch irgendwie Spaß machte. Also probierte ich das soeben gehörte aus, sobald ich allein war. - Wow! Ich hatte ein umwerfendes, neues Gefühl entdeckt! Danach bin ich nie wieder zur Beichte gegangen.

An das erste Mal, an dem ich mich in einen Jungen regelrecht verliebte, wenn auch nur aus der Entfernung, kann ich mich noch sehr genau erinnern. Ich war im Alter von 13 Jahren. Im Fernsehen (damals noch s/w) wurde die Geschichte von Peter Pan gezeigt. In diesen Peter Pan hatte ich mich verliebt. Tagelang hatte ich Schmetterlinge im Bauch, konnte Nachts nicht schlafen. Ich musste immerzu an diesen Jungen denken, der vielleicht 13 oder 14 Jahre alt war. Diese neue Erfahrung war für mich fast ein Schock - nicht weil es ein Junge war, in den ich mich verliebt hatte, sondern wegen dieses neuen, für mich dahin vollkommen unbekannten Gefühls, das mich total vereinnahmt hatte. Dieses Gefühl ist mir bis heute sehr gut in Erinnerung geblieben und ich hatte es nur noch ein einziges Mal später.

Einige Jahre später, ich war 15, hatte ich das erstemal Sex mit einem Jungen. Es war während der Sommerferien. Zusammen mit einer vom Pfarrer begleiteten katholischen Jugendgruppe fuhr ich mit meinem Schulfreund Werner in die östereichischen Alpen. Dort wohnten wir in einem relativ primitiven Jugendhaus. Der Schlafraum bestand aus einer langen Holz-Pritsche mit Matratzen, in denen wir zu ca. 10 Mann nebeneinander in zwei Etagen übereinander schliefen. Werner und ich lagen in der oberen Etage auf zwei Matratzen nebeneinander. Er war nicht mein Traumprinz; wir kamen uns trotzdem wohl mehr aus Neugierde näher, immer beachtend, dass keiner unserer Schlafnachbarn etwas merkte.
Jede freie Zeit, in der wir allein sein konnten, nutzten wir aus. So auch an einem Nachmittag. Ein Teil der Jugendgruppe unternahm eine Wanderung, der Rest blieb im Haus und Umgebung und vertrieb sich die Zeit. Mein Freund und ich waren allein im Schlafraum. Aufgrund unserer Aktivitäten gab plötzlich ein Brett der Holzpritsche nach und fiel auf die untere Schlaf-Etage. Von unten kam wütendes Geschrei. Wir hatten von dem dort liegenden Jungen nichts bemerkt und glaubten uns allein im Raum. Er muss seinerseits  sicher einiges bemerkt haben - er sagte jedoch nichts. Abends nach dem Abendessen fragte dann der Pfarrer in die Runde, ob ihm zwei Jungens nicht etwas zu sagen hätten, sie sollten sich bei ihm melden. Damals bezogen wir diese Aufforderung nicht auf uns, hörten aber auch nichts mehr davon. Erst Jahre später, als ich diese Geschehnisse nochmals in meinen Gedanken Revue passieren ließ, brachte ich sie in Zusammenhang. Dass ich schwul sein könnte, habe ich damals nicht in Betracht gezogen. Obwohl es mir doch eigentlich hätte klar sein sollen. Für Mädchen interessierte ich mich überhaupt nicht. Mein Freund und ich suchten jede Gelegenheit, allein zu sein.
Zu Hause war das nicht so einfach. Er wohnte in einer Mietwohnung ohne ungestört in seinem Zimmer sein zu können; seine Schwester konnte nur in ihr Zimmer gehen, wenn sie durch seins hindurch ging.
Bei uns waren die Verhältnisse nicht so eng; ich hatte jedoch zwei ältere Brüder, die mein Zimmer genauso als ihr Reich betrachteten wie ihre eigenen Zimmer. Die einzige Möglichkeit allein zu sein war also, hinaus in Gottes freie Natur zu gehen, was nicht schwierig war, da wir relativ nah am Wald wohnten. Wir nutzen also fast jeden sonnigen und trockenen Nachmittag, um mit den Fahrrädern hinauszufahren und uns im geschützten Wald ein lauschiges Plätzchen zu suchen...
Noch heute schwärmt mein Vater davon, wie naturverbunden ich gewesen sei, wie gesund doch die gute Waldesluft ist und hält meinen Söhnen vor, Stubenhocker zu sein. Ich grinse in mich hinein und sage natürlich nichts dazu. Er kennt ja nicht den wahren Grund.

Nicht jeder Tag war warm und sonnig, so dass wir auch schon mal bei mir in meinem Zimmer 'zur Sache' kamen, immer darauf bedacht, dass einer der Brüder hereinkommen könnte. Und so passierte es auch:
Wir lagen gerade auf dem Boden, eng umschlungen und streichelten uns, aber noch voll bekleidet, als der mittlere Bruder hereinplatzte. Er sagte nichts, verhielt sich aber uns beiden gegenüber mehrere Tage lang wie eine Gouvernante. Er musste immer und überall dabei sein und spielte die Anstands-Dame.

Etwa alle zwei Jahre wurde mit der Schulklasse eine Fahrt ins Landschulheim in der Eifel durchgeführt. Ich war in einer reinen Jungenschule. Das Landschulheim hatte nur einen großen Schlafraum für alle Schüler. Die Etagen-Betten standen jeweils zu zweit nebeneinander jeweils in einer langen Reihe rechts und links an den Wänden. Werner und ich achteten jedes mal darauf, dass wir unsere Betten auf der oberen Etage direkt nebeneinander hatten. Wurde dann abends das Licht gelöscht, so schlüpfte ich unter seine oder Werner unter meine Decke. Wir mussten uns jedoch sehr still verhalten, damit keiner der Mitschüler etwas merkte.

Werner hatte seit seinem 17. Jahr immer eine Freundin. Ich kannte sie nicht, war aber eifersüchtig auf sie und fragte ihn, wieso er noch mit mir zusammen war, wenn er eine Freundin hatte, mit der er auch intim war, wie er mir erzählte. Seine Antwort irritierte mich, nahm mir aber auch etwas von der Eifersucht. Er meinte, dass Sex mit mir viel schöner sei, da ich besser wüsste, seine verschiedenen Körperstellen zu verwöhnen.
Betrachte ich diese Aussage aus meiner heutigen Sicht, so kann ich sie bestätigen, obwohl ich einen solchen Vergleich für unfair halte. Natürlich weiß ein Mann besser aus seiner eigenen Erfahrung, was einem Mann gefällt. Und es ist schwer einer Frau zu erklären, was man gerne möchte, weil man die Partnerin nicht enttäuschen will. Sicher ist es für eine Frau auch grundsätzlich schwerer mit einem Mann, der sich mehr zu Männern hingezogen fühlt.

In sehr schöner Erinnerung habe ich noch unsere Klassenfahrt im Mai 1966. Werner und ich waren beide 18 Jahre alt. Wir fuhren nach Südfrankreich und wohnten dort in einem alten Kloster, das von den Mönchen verlassen war und jetzt als Unterkunft für Gruppen diente. Jeder Schüler hatte eine eigene ehemalige Mönchszelle als Zimmer. Es konnte also niemand merken, wenn ich nicht in meiner Zelle, sondern zusammen mit Werner in seiner Zelle schlief bzw. nicht schlief. Nur abends und morgens, wenn ich in seinen Raum schlüpfte oder ihn verließ, achtete Werner darauf, dass niemand auf dem Gang war.

Das war das einzige Mal, an dem wir ungestört zusammen schlafen konnten. Obwohl ich zu Hause ein eigenes Zimmer hatte, konnte ich keinen Freund über Nacht einladen. Es stand außerhalb jeder Diskussion, ob ein Freund bei uns nächtigen konnte. Das war grundsätzlich so, auch für meine Brüder, und hatte nichts mit meiner schwulen Beziehung zu tun, von der meine Eltern ja auch nichts wussten.

Meine Söhne haben es da wesentlich besser: Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht mindestens einer ihrer Freunde bei uns übernachtet. Das war schon bei uns üblich, als sie noch klein waren und ist so bis heute geblieben. Wer von den Freunden abends nicht mehr nach Hause will, bleibt über nacht hier. Um eine Schlafgelegenheit kümmern wir Eltern uns nicht. Entweder bringen die Jungs selbst eine Iso-Matte und Schlafsack mit oder holen sich vom Speicher eine Matratze und Schlafsack und breiten sich in den Zimmern der Söhne aus. Damit will ich nicht behaupten, dass meine Söhne oder deren Freunde schwul sind oder irgendwelche sexuellen Aktivitäten zwischen ihnen stattfinden. Wenn dem wirklich so wäre, würde ich das akzeptieren. Ich halte nichts davon, wenn Eltern sich in die intimen Bereiche ihrer Kinder einmischen.

Das Verhältnis mit Werner dauerte fast fünf Jahre, bis zu unserem Abitur. Danach trennten sich unsere Wege. 20 Jahre später zum ersten und bisher einzigen Klassentreffen nach dem Abitur haben wir uns noch einmal gesehen. Auf unsere ehemalige Beziehung sind wir nicht zu sprechen gekommen. Auch er ist jetzt verheiratet und hat zwei Söhne.

Bei der Bundeswehr wurde ich ausgemustert. Damals stellte man noch gewisse körperliche Mindestansprüche an die Wehrpflichtigen. Ich war Brillenträger. Meine Augen waren wohl zu schlecht für den Dienst an der Waffe und ich wurde daher in die Ersatzreserve II eingestuft, was anscheinend das letzte Aufgebot vor dem Volkssturm war.

Die folgenden Jahre vergrub ich mich regelrecht in mein Studium. Ich 'zog' es in der Mindestsemesterzahl 'durch', bekam an dem Institut der Uni, an dem ich als Student bereits mein Geld verdiente, eine Stelle als Assistent und promovierte 1980. Heute bereue ich, dass ich das Leben nicht mehr genossen habe, obwohl mir die Arbeit Spaß gemacht hatte. Andererseits bin ich sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich tue mich sehr schwer, Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen und fühle mich unwohl, wenn ich mich mit fremden Leuten unterhalten muss.
Während dieser Zeit hatte ich keine Beziehung aufgebaut, sondern mich nur mit Büchern und Computern beschäftigt. Vielleicht war es eine Flucht vor mir selbst? Fast 8 Jahre habe ich verschenkt!

Zweimal hatte ich versucht, an einem bekannten Schwulentreff der Stadt jemanden zu treffen. Jedes mal hatte mich, schon am Ort angelangt, der Mut verlassen und ich bin wieder nach Hause umgedreht. Damals gab es noch den Paragraph 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Selbsthilfegruppe oder ähnliches waren daher unbekannt. Andererseits betrachtete ich mich selbst nicht als schwul - komischerweise bin ich damals nie auf den Gedanken gekommen. Ich betrachtete das Ganze nur als Abenteuer. Mit dem Begriff 'schwul' verband ich die bekannten Vorurteile wie: tuntig, schrilles Äußeres, affektierte Sprache, etc. Dass ein ganz normaler junger Mann wie ich schwul sein könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Im Alter von 27 Jahren entschloss ich mich meiner Einsamkeit ein Ende zu bereiten. Auslöser dieses Entschlusses war wohl der Tod meiner Mutter. Dieser brachte mir sehr deutlich vor Augen, dass man sich selbst um seine Beziehungen und Freunde kümmern muss, denn sonst läuft man Gefahr in wenigen Jahren allein in der Welt zu stehen. Ja, ich habe mich ganz bewusst und zielstrebig dazu entschlossen, eine Frau fürs Leben zu suchen. Als Sohn einer bürgerlichen Familie kam für mich nur eine Ehe in Frage. Kinder wollte ich natürlich auch haben. Bisher hatte ich mich noch nie durch ein Mädchen angezogen gefühlt. Allerdings, so sagte ich mir, wie sollte es auch möglich sein, wenn ich mich in meinen Büchern und Computern verkrieche.
Ich schaute mich also zunächst in dem Institut, in dem ich arbeitete, nach einem Mädchen um. Es gab nicht viele. In der Bibliothek fasste ich all meinen Mut zusammen und sprach eine Studentin an. Wir kannten uns seit einiger Zeit vom Sehen. Wir verabredeten uns. Doch merkten wir bald, dass wir kaum gemeinsame Interessen hatten. Schon nach wenigen Treffen trennten sich unsere Wege wieder.

Daraufhin wollte ich im Dezember 1975 das Vorhaben noch zielstrebiger angehen: Ich gab eine Anzeige in der örtlichen Tageszeitung auf. Die verschiedenen Briefe, die ich als Antwort erhielt, sortierte ich in der Reihenfolge, in der ich mich mit den Mädchen verabreden wollte.
Es waren auch zwei Briefe von Müttern dabei, die ihre Töchter an den Mann bringen wollten. Diese wurden sofort aussortiert und freundlich aber bestimmt beantwortet. Ich kam mir vor wie Frau Herta einer Illustrierten, die Fragen zu allen Lebenslagen beantwortet.
Mit gemischten Gefühlen rief ich die erste 'Kandidatin' an, und wir verabredeten uns zu einem Spaziergang. Normalerweise bin ich sehr schweigsam; doch ich glaube kaum, dass ich jemals vorher zu einem mir bisher unbekannten Menschen so redselig war. Für mich stand fest: Claudia ist das Mädchen, das ich suche!

Ich traf noch ein anderes Mädchen, aber diese gefiel mir schon wegen ihrer dicklichen Figur nicht. Allen anderen Zuschriften sagte ich daraufhin ab.

Claudia und ich trafen uns in jeder freien Zeit. Doch außer zusammen wandern, essen oder in der Stadt bummeln, geschah erst einmal nichts zwischen uns. Das änderte sich Silvester. Claudia hatte mich überredet an dem Silvesterball teilzunehmen, zu dem auch ihre Schwestern und zugehörigen Männer kommen wollten. Am frühen Neujahrsmorgen fuhr ich sie in meinem Wagen zurück zu ihrer Wohnung. Doch anstatt mit 'Vielen Dank' und 'Bis Morgen' zu entschwinden, umschlang sie mich mit ihren Armen und begann mich zu Küssen. Ich war total überrumpelt, erwiderte ihre Küsse aber. Dabei wanderten meine Hände in ihre Bluse und ihre Hände in meine Hose. - Den Rest der Nacht verbrachte ich bei ihr. Ich weiß nicht, ob es die Aufregung oder der Grund war, dass ich vielleicht doch nicht auf Mädchen stand: ich bekam zwar einen Steifen, aber keinen Orgasmus. Mit der Entschuldigung, das Bett nicht nass machen zu wollen, verschwand ich im Bad und holte mir dort einen 'runter. Bei unseren nächsten Treffen erging es mir ebenso, bis Claudia meinte, es wäre egal, ob das Bettlaken nass wird. Ich konnte mich also nicht mehr verdrücken. Da Claudia sehr feinfühlig mit meinem Problem umging, gab es sich dann auch bald.

Ein Jahr später im Jahr 1977 heirateten wir. Und wiederum ein Jahr später kam unser erster Sohn Stefan zu Welt und weitere drei Jahre später Christoph. Wir führten eine ganz normale, fast spießige Ehe wie viele tausend andere Paare auch, mit eigenem Haus und Garten, zwei lieben Kindern und sicheren Berufen.

Zu meinen Vorlieben gehört das Wandern in schöner Natur. Für den Winter 1977 / 1978 hatten Claudias Bruder Klaus-Uwe (20), der Mann von Claudias Schwester Theo (33) und ich (29) eine zweitägige Wanderung durch die winterliche Eifel geplant. Wir übernachteten in einem privaten Quartier. Nur standen dort nicht genügend Betten zur Verfügung, so dass Theo ein eigenes Zimmer bekam und Klaus-Uwe zusammen mit mir in einem Bett lag. Das hätte mir nichts ausgemacht, zumal wir nach einer über 30 km weiten Tour doch recht geschafft waren, wenn nicht neben mir nach kurzer Zeit die Matratze in gleichmäßigen Abständen hätte zu wippen begonnen; dazu das rhythmisch klopfende Geräusch von der Bettdecke. Klaus-Uwe wichste sich unbekümmert direkt neben mir im Bett. Er dachte wohl, ich sei schon eingeschlafen. Mir wurde heiß und kalt. Das Verlangen kam in mir hoch, zu ihm hinüberzulangen, ihn zu streicheln und meine 'Hilfe' anzubieten. Wir hätten ja uns auch gegenseitig wichsen können - oder sogar mehr? Aber ich konnte doch nicht Claudia nach einem halben Jahr Ehe mit ihrem eigenen Bruder betrügen! Außerdem war ich viel zu schüchtern. Was wäre, wenn er abgelehnt hätte? Ich wäre total blamiert gewesen und meine Vorlieben für Jungs wäre nicht mehr mein Geheimnis geblieben. Also lag ich da und litt Tantalusqualen: Die süßen Früchte hingen so nah - ich konnte sie jedoch nicht erreichen.

Meine Neigungen zum männlichen Geschlecht wurden mir Anfang der 80er Jahre erst wieder schlagartig bewusst: Damals gab es noch den Buß- und Bet-Tag als Feiertag. Morgens um 9 Uhr lagen wir noch in den Betten, als es an der Haustüre klingelte. Ich zog mir einen Morgenmantel über und öffnete die Haustüre.
Beim Anblick des draußen stehenden Jungen, er mochte Mitte 20 Jahre alt gewesen sein, schlug bei mir der Blitz ein - so sehr gefiel er mir. Hätte ich meinen Morgenmantel nicht angehabt, man hätte sofort gesehen, wie sehr sein Anblick mich erregte und dass ich mich in ihn verknallt hatte.
Er wollte Zeitschriften verkaufen. Nachdem er seinen Spruch hergesagt hatte, kamen wir sehr schnell auf andere belanglose Dinge zu sprechen, was für einen Zeitschriftenverkäufer normalerweise nicht üblich ist. Ob er gemerkt hatte, wie es um mich stand? Ob es ihm ebenso erging wie mir?
Ich glaube, wäre ich allein gewesen, ich hätte ihn hereingebeten. So unterhielten wir uns noch einige Zeit in der Türe. Ich bestellte keine Zeitschrift, drückte ihm jedoch einen Schein für entgangenen Verdienst in die Hand. Die folgenden Tage und Wochen bekam ich jedes mal ein Kribbeln im Bauch, wenn ich an ihn dachte. Nächtelang konnte ich nicht schlafen, immer wieder musste ich an IHN denken.

Mitte der 90er Jahre verbreitete sich der Zugriffs auf das Internet. Natürlich war ich neugierig und schaute bei der Suche nach Bildern von nackten Männern auch bei schwulen Sites vorbei, obwohl ich mich bis dahin nie so eingeordnet habe. Hier nun entdeckte ich, dass ich aus den niedergeschriebenen Lebenserfahrungen anderer meine bisherigen Vorstellungen vom Schwulsein total revidieren musste. Schwule sind ganz normale Männer, nur mit dem kleinen Unterschied bezüglich ihrer sexuellen Orientierung. Schrille und tuntige Typen werden auch von den meisten Schwulen abgelehnt. Meine persönlichen Erfahrungen finde ich ihn ähnlicher Weise in anderen Lebensberichten wiedergegeben. Heißt das, dass ich auch schwul bin? Zweifel kommen in mir hoch. Ich bin total verunsichert. Ich fange an, mich selbst zu analysieren. Welche Vorlieben habe ich? Wie empfinde ich für Männer, wie für Frauen? Ich stelle fest, dass z.B. der Geruch von Urin oder Schweiß von Frauen für mich unangenehm süßlich-muffig riecht, der von Männern jedoch nicht unangenehm auf mich wirkt. Mädchen schaue ich nie hinterher, bei Jungens riskiere ich häufiger einen verstohlenen Blick. Normalerweise bin ich sehr empfindlich, hatte aber keine Probleme gehabt, Werner einen zu blasen. Analverkehr haben wir allerdings nicht gemacht; das war nicht unser Ding. Eine Frau würde ich niemals zwischen den Beinen mit meiner Zunge bearbeiten. Mit Claudia habe ich nur ein einziges Mal einen Zungenkuss ausgetauscht - sie hatte mich überrumpelt; als besonders toll habe ich dies aber nicht empfunden.

Ich lasse alle meine Erlebnisse vor meinem geistigen Auge nochmals vorbeiziehen. Was davon kann als normale Erlebnisse eines Heranwachsenden betrachtet werden, was als eindeutig schwul? Mein Verhältnis zu Werner könnte ich als Handlungen zwischen pubertierenden Jugendlichen einordnen. Aber noch mit 18-20 Jahren? und über diesen langen Zeitraum? Außerdem ist es beim gemeinsamen Wichsen nicht geblieben. Zweifel kommen in mir hoch. Ich muss mit jemanden über meine Probleme reden. Claudia? Nein, da trau ich mich nicht. Sie wäre ja direkt Betroffene. Würde sie dann noch mit mir leben wollen? Ist dann nicht unser gemeinsames Leben eine Lüge?
Unsere beiden Söhne sind zu dem Zeitpunkt, an dem ich dies schreibe, erwachsen. Stefan ist 21 und Christoph 18. Was sollen sie denken, wenn sie erfahren, einen schwulen Vater zu haben?
Mein Vater lebt noch. Er ist über 90 Jahre alt; geistig lebt er in der vorigen Generation. Nein, mit ihm kann ich über solch ein Thema nicht reden.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Im Internet betrachte ich Bilder von nackten Männern und Frauen. Nackte Frauen in eindeutigen Posen lassen mich kalt oder finde ich abstoßend. Die nackten Männer ziehen mich an, regen mich sexuell auf. Was mich anmacht sind die nackten Geschlechtsteile, der knackige Hintern und ganz besonders die Ausstrahlung der Darstellers, der Blick, die Gesichtszüge. Mir ist vollkommen klar, warum z.B. die Fotomodelle von Bel Ami, insbesondere Johan Paulik, so viele Fans als Schwulen-Stars haben. Selbst auf Bildern, in denen er angezogen ist, übt er eine Faszination auf mich aus. Er erinnert mich etwas an den Zeitschriftenverkäufer, in den ich mich verknallt hatte.

Zweifel und Unsicherheit bleiben. Bisher habe ich ganz gut gelebt, ohne mich in diese oder jene Schublade einzuordnen. Doch nun ist die Problematik in meinem Kopf und will nicht mehr verschwinden. Allzu häufig muss ich daran denken. Das Thema beschäftigt mich, auch wenn ich es ignorieren möchte. Ich trage ständig ein Gefühl in mir herum, als müsste ich morgen eine Prüfung bestehen. Ich fühle mich schlecht, glaube, dass ich ständig zur Toilette laufen muss. Ich muss für mich persönlich eine Entscheidung treffen. Und diese ist nach mehrmonatigen Zweifel und Suchen, dass ich mich als schwul einordne - zumindest als bi. Wenn ich mich genauer klassifizieren müsste, sofern dies möglich ist, würde ich mich zu 70% als schwul und 30% als hetero einordnen. Nachdem ich diesen Entscheidungsprozess bei mir durchgemacht habe und zu der eindeutigen Aussage gekommen bin, geht es mir besser. Aber noch immer ist in meinem Seelenleben keine Ruhe eingekehrt. Ständig muss ich mich mit dem Thema beschäftigen. Bisher habe ich noch mit niemandem darüber gesprochen. Mit wem sollte ich auch. Es ist mein ganz persönliches Problem, das niemanden sonst, außer Claudia, etwas angeht. Aber ich traue mich nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Daraufhin reift in mir der Entschluss, mein Problem im Internet zu veröffentlichen, so wie es viele andere in ähnlicher Situation auch machen. Ich muss meine Identität ja nicht preisgeben.

Immer, wenn ich Selbstzweifel hege, brauche ich die Nähe eines lieben Menschen. Ich muss sicher sein, dass ich nicht allein bin. Ich suche die Nähe von Claudia, versuche bei ihr zu sein, auch bei ihren Arbeiten am Schreibtisch oder in der Küche. Für sie ist das wohl lästig. Sie meint dann, ich laufe ständig wie ein kleiner Hund hinter ihr her.

In der Firma, in der ich arbeite, habe ich etwa 120 Kolleginnen und Kollegen. Die Männer sind klar in der Überzahl. Darunter auch einige, die mir gefallen würden. Dennoch: Mehr als einen Blick würde ich niemals riskieren. Für drei Monate arbeitet hier ein junger Mann, Mitte 20, als freier Mitarbeiter in einem anderen Projekt. Er sitzt in einem Büro schräg gegenüber meinem. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich versuche ihn zu sehen - einen verstohlenen Blick hinüberzuwerfen. Ich hoffe, dass das niemandem auffällt. Ich bin doppelt so alt wie er! Der Junge könnte mein Sohn sein! Ich alter Daddy mach mich doch lächerlich!

Ähnlich ergeht es mir, wenn Freunde meiner Söhne zu Besuch sind. Dies ist fast täglich der Fall. Ich kenne die Jungs von Kind an. Mittlerweile sind einige von ihnen hübsche junge Männer geworden. Da muss ich meine Gedanken und Gefühle zügeln. Hoffentlich merkt man mir meine Unsicherheit ihnen gegenüber nicht an.

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, was wäre, wenn einer der Söhne schwul wäre, zumal beide meines Wissens noch keine Freundin gehabt haben. Über dieses Thema haben Claudia und ich kurz gesprochen. Für beide von uns wäre es kein Problem. Wir würden das akzeptieren und hoffen, dass er den richtigen Partner findet und glücklich würde. Mein eigenes Problem habe ich dabei nicht angesprochen.
Ich habe mich sogar bei dem Gedanken erwischt, zu wünschen, dass einer von ihnen schwul sei. Dann hätte ich jemanden, der ähnlich fühlt wie ich und mit dem ich über meine Probleme sprechen könnte.

Als ich Stefan letztes Jahr beim Umzug 300 km entfernt vom Heimatort zu seiner Studentenwohnung half, habe ich versucht, dieses Thema vorsichtig anzusprechen und die Geschichte meines Vetters erzählt, der bereits seit vielen Jahren nichts mehr von sich hat hören lassen. Nachforschungen hatten ergeben, dass er zusammen mit seinem Gefährten lebt und keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter oder Brüdern aufnehmen wollte. Stefan habe ich angedeutet, dass mir ein Schwiegersohn lieber wäre als gar kein Sohn. Er ist nicht darauf eingegangen.
- In der Zwischenzeit hat er eine Freundin gefunden und will demnächst mit Ihr eine Wohnung beziehen.

Ich habe noch nicht viel über meine Beziehung zu Claudia geschrieben. Wir sind jetzt über 20 Jahre verheiratet und ich liebe sie noch genauso oder vielleicht noch mehr als am ersten Tag. Niemals würde ich sie mit einem Mann und noch weniger mit einer Frau betrügen wollen. Allerdings klammern wir uns nicht aneinander. Wir haben sehr viel Vertrauen in unsere Beziehung. Jeder hat seinen Freiraum und seine Hobbys. Es macht mir nichts aus, wenn sie ohne mich mit Freundinnen in den Urlaub fährt, weil ich weniger Urlaub habe als sie. Andererseits arbeitete ich für einige Jahre mehrere hundert Kilometer entfernt von unserem Heimatort, so dass wir uns nur am Wochenende sahen. Und sie wusste, dass ich jeden Montag mit zwei jungen noch ungebundenen Kolleginnen wegfuhr, mit denen ich auch meine Freizeit mit Ausflügen, gemeinsamen Essen und Kartenspiel verbrachte (von meinen Vorlieben wusste sie ja nichts). Sie ist immer der aktivere, bestimmendere Teil von uns. Dies betrifft die häusliche Organisation als auch unser sexuelles Leben. Wir haben nicht sehr häufig Sex miteinander. Sie ist immer diejenige, die die Initiative ergreift und mich ermuntern muss.

Vergleiche ich meine Beziehung zu Werner mit meiner Beziehung zu Claudia, so fällt mir besonders auf, dass ich bei Werner meist der aktive Teil war. Ich habe bei unserem ersten sexuellen Kontakt den Vorschlag gemacht, die trennende Bettdecke zwischen uns wegzunehmen. Ich war immer derjenige, der bei unseren Zusammensein Werner zu mir zog und mit Streicheln begann. Obwohl wir beide uns natürlich nicht erwischen lassen wollten, hatten wir nicht das Gefühl etwas Verbotenes zu tun, für das man sich schämen muss. Unsere Freundschaft hat daran nicht gelitten. Wir hingen genauso wie vorher wie Pech und Schwefel zusammen. Unsere Freundschaft hatte nur noch eine zusätzliche sexuelle Komponente erhalten.

Während ich dieses niederschreibe, kommen mir immer wieder Zweifel, ob ich mein Problem mit Claudia besprechen kann. Einerseits habe ich sie niemals betrogen - die Zeit bevor ich sie kannte kann man nicht rechnen. Sie hatte vorher auch andere Beziehungen. Nur in Gedanken erfreue ich mich an hübschen jungen Männern und blicke ihnen auf der Straße nach. Ich denke allen hetero Männern ergeht es ähnlich mit jungen Mädchen. Auch kenne ich Claudia als sehr einfühlsam, verständnisvoll und weltoffen. Andererseits bin ich immer relativ schüchtern gewesen, nicht sehr gesprächig und habe mir im Laufe der Jahre quasi ein Schneckenhaus gebaut, in das ich mich mit meinem Problem zurückziehen und abkapseln kann. Ich fürchte ihre Reaktionen, die ich nicht vorkalkulieren kann. Wird sie sich von mir trennen wollen? Ich hoffe auf ihr Verständnis, traue mich aber nicht mit ihr darüber zu sprechen.

Ich hege keinerlei Schuldgefühle für meine schwule Beziehung. Ganz im Gegenteil, ich betrachte sie sogar als eine Bereicherung meines Lebens. Und ich bedauere, dass ich die Jahre meines Studiums und der Assistentenzeit habe verstreichen lassen. Wer weiß, vielleicht wäre im anderen Fall mein Leben total anders verlaufen. Aber hier zu spekulieren ist müßig.

Nachtrag August 2000:

Während des Sommerurlaubs, nach einer längeren Wanderung lagen Claudia und ich beieinander; ich hatte meinen Kopf auf ihre Brust gelegt. Sie meinte:"Da liegst du aber schön weich".
Ich dachte nicht lange nach, sondern sagte "Etwas härter wäre mir lieber".
-Pause- Hoppla, da war mir etwas unbedacht eine Bemerkung herausgerutscht.
"Bist du bi?" und scherzhaft fügte sie hinzu "Dann bring doch mal deine Lustknaben mit. Vielleicht kann ich mit denen auch etwas anfangen?"

Volltreffer!

Der rote Teppich war ausgerollt. Ich hätte ihn nur noch betreten brauchen und einfach 'Ja' sagen können. Aber der Nachsatz behagte mir nicht. Er führte mein Problem in eine Richtung, in der ich es nicht sehen wollte. Also schwieg ich. Es entstand eine etwas längere unbehagliche Pause. Ich weiß nicht, was Claudia jetzt zu dem Thema dachte. Wir haben es auch nicht mehr angesprochen. Durch dieses kurze Gespräch wächst bei mir jedoch die Hoffnung, dass Claudia mit meinem Problem vielleicht doch lockerer umgehen könnte als ich befürchte.
Nachtrag November 2000:

Während ich an meiner Homepage arbeitete hatte Claudia mich schon zweimal überrascht. Ich konnte aber immer schnell die Programme schließen, bevor sie etwas lesen konnte. Einige Wörter muss sie wohl doch gelesen haben, denn sie vermutete, dass ich irgendwelche pornografischen Seiten aus dem Internet lese und ich 'so etwas' doch nicht nötig hätte. Ich sagte ihr, das sei nichts schmutziges, wollte es ihr aber trotzdem nicht zeigen. Sie glaubte mir nicht; den ganzen Abend war irgendwie dicke Luft zwischen uns. Ich wollte ihr aber nicht reinen Wein einschenken.

Anstoß und Auslöser, mir endlich ein Herz zu fassen, waren verschiedene Mails, als Reaktion auf meine Homepage und letztendlich eine Nachfrage bei den 'Schwulen Vätern Köln' um Erlaubnis für einen Link von meiner HP auf die der Schwulen Väter. Mit dem Nebensatz:

»Ich habe mir gerade Deine Homepage angeschaut und auch Deine
Lebensgeschichte gelesen. Ich denke das Deine Frau schon etwas vermutet, deshalb wäre es fair, mal ein Gespräch mit ihr zu führen. Ich weiß selber, wie schwer der Anfang ist.«

Udo hatte mir den letzten Anstoß gegeben, mich zu überwinden. Ich hatte mir für das Gespräch extra den 1. Nov. (Feiertag) ausgesucht, damit es in Ruhe z.B. bei einem Spaziergang geführt werden konnte. Als es dann soweit war habe ich dann wieder vor mir selbst gekniffen und alle möglichen Ausreden gesucht:
Da waren andere Spaziergänger 100 m vor uns; die könnten was davon mitkriegen. Als diese dann fort waren liefen wir durch den herbstlichen Laubwald. Die Blätter raschelten bei unseren Schritten so laut, dass ich meine Stimme so sehr erheben müsste, dass man es im ganzen Wald hören würde.
Ich habe es also erst mal nicht geschafft. Das gleiche beim Kaffeetrinken. Es könnte ja jeden Moment einer der Söhne  hereinkommen. Ebenso abends vorm Fernseher.

Erst abends im Bett habe ich mir einen Stoß gegeben nach dem Motto 'Augen zu und durch'. Ich war schon den ganzen Tag ziemlich nervös. Dies steigerte sich noch mehr, da ich es jetzt endlich hinter mich bringen wollte. Als das Licht aus war, habe ich sie in den Arm genommen, tief durchgeatmet und mit einem Kloß im Hals gesagt:
"Ich muss ein Problem mit dir besprechen. Das habe ich schon seit meinem 13. Lebensjahr."
Sie sagte erstmal nichts, sondern wartete wohl auf das, was kommen werde.
"Ich habe dir doch erzählt, dass ich vor dir noch nie etwas mit Mädchen hatte." - "Ja und?" - "Die Betonung liegt auf Mädchen." - "Du hast was mit Männern gehabt!?" - "Ja."
- Pause -
"Wieviele waren es denn?"
"Nur einer, wir waren über 5 Jahre zusammen, seitdem ich 15 war."
"Du sagtest doch, dass du ab 13 Jahren was mit Jungs hattest."
"Mit 13 hatte ich zum erstenmal bei mir gemerkt, dass ich auf Jungens stehe."
- Pause -
"Das war doch nur das Übliche zwischen Jungens."
"Nein, es war mehr."
- Pause -
Sie drückte sich stärker an mich. Ich merkte wie sie anfing zu schluchzen.
"Da kannst du doch nichts für. Bitte bleib bei mir, verlass mich nicht. Ich will dich nicht verlieren."
Ich merkte, wie mir auch die Tränen kamen.
"Aber das habe ich doch nie vorgehabt, ich wollte es dir nur endlich einmal sagen. Ich will immer bei dir bleiben."
Sie streichelte mich und uns beiden liefen die Tränen.
"Hast du denn jetzt was mit einem Mann?"
"Nein, ich stehe auf Männer und schaue hübschen Männern nur hinterher."
Wieder entstand eine Pause, die ich jetzt mit einer Anmerkung unterbrach:
"Übrigens, du warst doch immer neugierig, was ich am PC mache. Ich habe im Internet meine Lebensgeschichte beschrieben. Morgen gebe ich dir die Adresse der Homepage."
So lagen wir noch eine zeitlang beieinander; wir trösteten uns gegenseitig und schliefen dann ein.

Am nächsten Morgen gab ich ihr dann die URL.
Als ich abends von der Arbeit nach Hause kam, fiel sie mir sofort schluchzend um den Hals. Sie hatte meine Geschichte im Internet gelesen.
"Ich bin so traurig. Wieso habe ich das nicht erkannt. Vielleicht hätte ich dir helfen können."
"Aber ich habe doch alles getan, um es vor dir zu verbergen."
"Ich habe Angst, dass du mich verlassen willst."
"Nein, ich will bei dir bleiben, ich will dich nicht verlassen. Du weißt, dass ich viel zu schüchtern bin, in die Szene zu gehen oder ein Abenteuer zu suchen. Du brauchst keine Angst zu haben."
"Ich bin so traurig, dass du mit mir nicht glücklich bist."
Was hätte ich darauf sagen sollen. Einerseite hatte sie recht, sie konnte mir nicht alles geben, wonach ich mich sehnte; andererseits liebe ich sie. Wir standen noch längere Zeit im Zimmer, drückten uns und schämten uns unserer Tränen nicht.

Das war also meine Coming Out Geschichte. Dazu zu sagen wäre noch, das wir uns an den folgenden Abenden im Bett aneinander gekuschelt haben, manchmal mit Tränen, und uns gegenseitig getröstet und gedrückt haben. Über manche Dinge haben wir gesprochen, unter anderem, dass sie zufällig meinen damaligen Freund gekannt hatte nachdem wir nicht mehr zusammen waren (Die Welt ist ja sooo klein). Ihm hatte sie unser Verhältnis nie zugetraut. Mir hatte sie es ja auch nicht zugetraut ;-)
Meine Frage, ob sie bereits geahnt hätte, dass ich mich für Männer interessiere, verneinte sie.

Ich fühle mich, als wäre eine zentnerschwere Last von meinem Herzen gefallen. Endlich habe ich jemanden, mit dem ich darüber sprechen kann. Dennoch denke ich, dass ich noch etwas Zeit benötige, um den Panzer, den ich mir um meine Seele gebaut habe, etwas aufzubrechen.

Von dem erfolgreichen Gespräch mit Claudia hatte ich auch in einer Mail an die 'Schwulen Väter' berichtet. Zusammen mit dem Glückwunsch kam auch die Frage, ob ich nicht Lust hätte, zu einem Gruppenabend nach Köln zu kommen. Dieses Angebot interessierte mich, da ich noch nie mit anderen in gleicher oder ähnlicher Weise Betroffenen gesprochen hatte. Ich sprach mit Claudia darüber. Sie befürchtete, dass ich mich in einen anderen Mann vergucken könnte. Sie wollte mich aber nicht zurückhalten. Ich kann ihre Ängste verstehen. Ich denke in dieser Hinsicht kann nur die Zeit das Vertrauen schaffen. Männer gibt es ja schließlich überall, wenn auch die wenigsten schwul oder bi sind. Dazu sagte ich ihr, ich wollte nichts tun, was ich nicht auch tun würde, wenn sie dabei wäre.
Darauf ihre Antwort:
"Bitte versprich das nicht. Du kannst das nicht versprechen; wenn es soweit ist, denkst du nicht mehr rational."
Ich glaube, mit dem Satz hat sie recht. Er zeigt aber wiederum, wie verständnisvoll Claudia denkt. Um so schwerwiegender würde ich mir allerdings auch den Fehler zurechnen, falls ich ihr Vertrauen missbrauchen sollte.

Im nachhinein schelte ich mich einen Dummkopf. Warum habe ich nicht eher mit meiner Frau gesprochen? Was hätte ich mir meine Ängste sparen können!
Claudia hat mit keinerlei Vorwürfe gemacht. Im Gegenteil, sie machte sich selbst Vorwürfe. Sie ist so verständnisvoll, versucht mich zu verstehen, akzeptiert mich so wie ich bin. Ich hoffe nur, dass ich sie eines Tages nicht enttäusche.

Claudia, du bist eine wundervolle Frau!