Coming Out mit 31 Jahren und 3 Kindern


Auch ich gehöre zur Gruppe der schwulen Väter. Habe zufällig diese Seite im Internet entdeckt und möchte Euch kurz berichten, wie es mir ergangen war – um allen anderen, die noch lange nicht soweit sind, Mut zu machen, ihre Gefühle nicht unterdrücken zu wollen...

Ich weiß nicht mehr genau wann, aber irgendwann während meiner Ehe merkte ich, dass ich ein gewisses Verlangen verspürte, mit einem Mann Sex zu haben. Vielleicht begann es auch damit, dass ich in der Uni einmal (mehr oder weniger unbeabsichtigt) beim pissen einen Typen neben mir stehen sah, der offensichtlich nicht nur zum pissen dastand, sondern seine ordentliche Latte bearbeitete... Ich weiß es nicht mehr genau. Auf jeden Fall lernte ich dann über eine Anzeige im Internet einen Typen aus meiner Gegend kennen, mit dem ich „eine Wichs- und Blasfreundschaft“ anfangen wollte. Wir trafen uns in der Stadt, waren uns sympathisch, hatten dann auch Sex, geilen Sex. Ich fühlte mich so gut, wie noch nie im Leben. Und plötzlich merkten wir, dass wir uns ineinander verliebt hatten. Und nicht nur das, es war DIE große Liebe. Aber alles heimlich logischerweise. Zuhause war ich der fürsorgende Familienvater, der alles organisiert und alles im Griff hat. Ich wollte ja auch auf keinen Fall meine Frau und die Kinder verlassen, sie im Stich lassen. Die Kinder waren noch so klein, und wir hatten außerdem unser Hausbauprojekt schon angefangen. Doch wie es manchmal so kommt, die ganze Sache kam durch einen dummen Zufall raus.

Vor die Wahl gestellt, wollte ich dann doch alle verlassen und zu ihm ziehen. Ich ließ mich von ihm abholen, wir feierten so was wie „Hochzeit“ an diesem Abend. Doch nach nur einer Nacht ließ ich mich wieder zurückbringen. Ich hielt es nicht aus. Weinte in einer Tour. Ich schwor gegenüber meiner Frau, ihn nie wieder zu sehen, begann eine Psychotherapie, und versuchte, diese Neigung zu unterdrücken. Doch es dauerte keine drei Wochen, und schon trafen wir uns wieder, lagen uns wieder in den Armen..... bis es erneut heraus kam. Das war dann die Hölle. Ich kurz vor dem Selbstmord, meine Frau kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Erneut trennte ich mich dann von ihm, entschied mich wiederum für die Familie. Wechselte den Psychotherapeuten. Löschte alle Emails und sms Nachrichten von ihm. Ließ ihn fallen, ganz tief. Und kümmerte mich nur noch um die Familie. Wir bauten das Haus, zogen ein, lebten „ganz normal“ weiter.

Aber nach etwa einem halben Jahr arbeitete es so gewaltig in mir, dass ich nicht mehr mit meiner Frau schlafen konnte und (sinngemäß) zu ihr sagte: „Ich merke, dass ich nur noch mit einem Mann Sex haben kann.... ich bin schwul!“

Wir versuchten dann, das beste daraus zu machen. Ein Elternteam sein, aber kein Sexteam mehr. Das klappte eine Weile ganz gut. Ich war fortan ganz offiziell in der Szene unterwegs. Lernte neue Freunde kennen, hatte auch Sex mit verschiedenen Typen..... Irgendwann war es meiner Frau aber nicht mehr so recht. Sie bat mich , auszuziehen. Das tat ich auch, und das war das beste, was geschehen konnte. Seitdem geht es mir blendend, ich fühle mich pudelwohl. Das ist jetzt über ein Jahr her. Auch wenn ich keinen festen Freund habe, so fühle ich mich geborgen in meiner kleinen Wohnung, gehe gerne und oft schwul weg, und alle 14 Tage sind die Kids bei mir. Wir haben neulich den Kindern berichtet, warum der Papa eigentlich nun eine eigene Wohnung hat. Haben uns das lange überlegt und hatten Bedenken, aber alles war so locker, ging in 5 Minuten über die Bühne. „OK, und was gibt’s denn als Nachtisch?“

Schon von Anfang an habe ich den Kindern versucht nahe zu bringen, dass es nicht nur Beziehungen zwischen „Mann und Frau“ gibt, sondern genauso gleichgeschlechtliche. Das auch zwei Männer heiraten können und sich lieben können. Und zwei Frauen ebenso. Von daher war es dann leicht, sich bei dem Aufklärungsgespräch auf die speziell schwule Lebensform, die der Papa nun leben will bzw. lebt, zu beziehen. Unsere Kinder haben die einmalige Chance, mit zwei verschiedenen Lebensformen groß zu werden und beide als völlig normal anzusehen. Genau das sind sie ja auch.

Ich selber kann rückwirkend nur sagen: ich hätte es früher meiner Frau sagen sollen, sie nicht hintergehen sollen. Aber das sagt sich so leicht. Als ich in der Situation war, da dachte ich anders, dachte, ich würde es niemals über die Lippen bringen. Heute kann ich es sagen, wem auch immer. Ich bin schwul.