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12-02-2006 | Coming Out mit 32 und 2 Kinder

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Coming Out mit 32 Jahren und 2 Kindern 

 
Nach dem mein Leben jetzt viele Kapriolen geschlagen hat, möchte ich jetzt das Bedürfnis befriedigen und einen Teil meines Lebens hier verewigen...

Meine Frau und ich haben uns jetzt nach 13 Jahren Ehe getrennt...
Sowie sich die ganze Sache gestaltet, scheitert die Ehe wegen mir... Okay, für viele, die uns kennen, hört es sich sehr eigenartig an, weil ja eigentlich meine Frau oft die jenige war, die mir das Leben verdammt schwer gemacht hat...
Nun, ohne meine Frau in Schutz nehmen zu wollen, möchte ich jetzt etwas schreiben und es fällt mir nicht sehr leicht darüber zu schreiben, aber es ist mir wichtig...

Mhhhh...wie soll ich anfangen..., okay, ich fange erst mal mit dem wesentlichen an und dann füge ich eine Zusammenfassung bei um das ganze ein wenig verständlich zu machen...

Ich habe mich, jetzt mit fast 32 Jahren und 2 fachen Vater, als schwul geoutet!

So, jetzt hole ich mal weit aus...ich war schon immer ein etwas anderes Kind..., sehr sensibel, keine Lust auf Sport, hasste Fußball und alles technische, spielte lieber mit Puppen und Stofftieren, statt mich im Dreck zu suhlen..., ich liebte Hausarbeit und kochen, wie oft wurde mir gesagt, ich sei kein normaler Junge....
Meine Eltern liesen sich ja dann scheiden und meine Ma bekam oft den Vorwurf, sie würde ein Mädchen aus mir machen, allerdings stimmte das gar nicht, denn meine Ma hat mich nur so leben lassen, wie ich mich wohl fühlte!
Ich verdiente mein Taschengeld mit Babysitten, statt beim Zeitungsaustragen und und und....
Dann kam ich mit 12 Jahren in die Pubertät, alle Jungs sprachen über Mädchen, Busen und Sex...mhhh, mir kam das alles komisch vor, wo ich doch nackte Jungs viel anregender fand... Dann kamen die ersten Doktorspiele mit Jungs, Größen Vergleich, Schamhaare zählen und gegenseitiges befriedigen....jou, das hat mir gefallen...und mir wurde dann klar, dass ich tatsächlich kein normaler Junge war... Mir wurde klar, dass ich wohl schwul bin, obwohl ich diesen Ausdruck bis dahin nur als Schimpfwort und Beleidigung kannte...
Darüber sprechen konnte ich nicht, da schwul sein zu dieser Zeit eines der größten Tabuthemen war und mit Verachtung gestraft wurde...
Eigentlich hatte ich aber noch Glück, ich fand schnell ein paar Jungs, die wie ich empfanden, also tat ich meine ersten Schritte in die Homosexualität und fühlte mich damit wohl und hatte mehrere sexuelle Kontakte mit Jungs...
Leider musste ich damals im 14 Tage Rhythmus zu meinem Zeuger, war ja gerichtlich festgelegt, dort wurde ich aber immer nur fertig gemacht, ich sei kein normaler Junge, würde falsch erzogen, meine Mutter wurde beschimpft und und und... Mit Ende 14 Jahren passierte aber dann etwas noch schlimmeres, was meine heile Welt völlig zerstörte, ich war mal wieder bei meinem Zeuger, es war eine Geburtstagsfeier..., während die Erwachsenen sich besoffen, beschäftigte ich mich im Nebenzimmer mit malen und spielen... Was dann passierte, möchte ich nur kurz erwähnen, weil es in mir immer noch einen wahnsinnigen Ekel hervor ruft..., in dieser Nacht wurde ich von meinem leiblichen Vater vergewaltigt..., es war das schlimmste Erlebnis und für mich brach eine Welt zusammen, ich hasste plötzlich Männer und Jungs...
Gottseidank war ich schon 14 Jahre und durfte mich weigern, meinen Zeuger besuchen zu müssen und vor Gericht reichte meine Aussage, dass mein leiblicher Vater ständig besoffen war und ich Angst vor ihm habe. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, was wirklich gewesen war..., bis vor ein paar Monaten...
Damals hieß es, die Pubertät hätte mich so verändert, die Scheidung hätte ich nicht verkraftet und was weiß ich nicht noch für Erklärungen, aber niemand außer mir wußte, was wirklich passiert war und das Jungs auch vergewaltigt werden war undenkbar...
Am schlimmsten musste mein Stiefvater unter mir leiden, obwohl er so lieb zu mir war und sich so viel Mühe gemacht hat, aber ich konnte es nicht ertragen, von einem Mann angepackt zu werden...
Mein Leben machte eine riesen Wende, ich habe mir in den Kopf gesetzt hetero und "normal" zu werden, hatte dann meine ersten Freundinnen und übte mich im Sex mit Mädchen und es klappte ja auch, da es sich um einen rein mechanischen Prozess handelt, aber eine wirkliche Befriedigung, habe ich nie gefunden, aber ich lebte eben die Quantität aus ....
Immer exzessiver wurde meine Sexualität und ich kam mit meiner Frau zusammen, die ja auch recht zügig schwanger wurde, ich heiratete dann mit 19 Jahren, wurde mit 19 Jahren Vater und meine "heile hetero Welt" war in Ordnung, mit 21 Jahren kam dann meine zweite Tochter und es schien alles in bester Ordnung zu sein..., mein Beweis für mich selber....ich war hetero!
Leider fehlte mir immer etwas und irgendetwas bedrückte mich sehr stark, aber meine Verdrängung war perfekt, ich konnte mich an alles vorherige nicht mehr erinnern und ich versuchte es auch erst gar nicht...
Was immer geblieben war, ist, dass ich anders war als andere Männer, ich wurde Krankenpfleger und Mitmenschen helfen war mein Leben, mein Freundeskreis bestand fast ausschließlich aus Frauen, bin ein "Frauenversteher", ich quatschte wie ein Waschweib, bewegte mich immer etwas femininer, Gewalt verabscheue ich u.v.m...
Aber zunehmend fand ich Männer anregend, schaute mir gerne gutaussehnde Männer an, sogar auf der Straße schaute ich Männern, statt Frauen hinterher..., doch ich wollte es nicht wahr haben und fand immer wieder gute Ausreden für mich selber.
Und im laufe der Jahre brach meine so schöne Heterowelt zusammen, Stück für Stück...
Also fing ich an zu arbeiten, wie ein Wahnsinniger, ein 16 Stunden Tag war der Standard, einen Monat durcharbeiten, einschließlich der Wochenenden und Feiertage völlig normal....
Aber es half mir wieder nur einige Zeit weiter und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich auf Männer stehe und mich durch sie angezogen fühle...
Also habe ich meiner Frau erzählt, dass ich wohl bisexuell sei..., nach einem knappen Schock, hat sie es ganz gut verstanden und akzeptierte es, wir wandelten unsere Ehe in eine offene Beziehung um und jeder konnte auch eine Seite ausleben, die in einer Ehe nicht möglich war...
Meine Frau hatte dann nebenbei sexuelle Kontakte mit Männern und ich eben auch...
Immerhin ging es ein paar Jahre so ganz gut und die Welt war scheinbar wieder in Ordnung...
Aber das habe ich auch nur gedacht...., wir gingen ab Karneval dieses Jahr nur noch in homosexuellen Kreisen weg, auch unsere neuen Freunde und Bekannte waren mittlerweile fast alle schwul und lesbisch...., da meine Frau recht übergewichtig ist, fühlt sie sich in den homosexuellen Kreisen sehr wohl, weil man sie hier nimmt, wie sie ist und nicht nach dem Äußerem beurteilt! Nein, sie hat sich sogar zur Mama-Courage entwickelt und bekommt bestimmt bald noch einen Altar in der Kölner-Szene...
Dieses Jahr passierte dann das, was passieren musste, ich verliebte mich in einen Mann..., einen wirklich süßen und liebevollen Kellner im Schulz... okay, es wäre niemals zu einer Beziehung gekommen, aber ich hatte plötzlich ein Gefühl was ich noch nicht kannte...
Ich liebe meine Frau, aber ich lernte eine neue Art der Liebe kennen und meine ganze Vergangenheit brach über mich herein, ich erinnerte mich plötzlich an alles und mein ganzes Leben brach zusammen...

Mein Leben war ein Gebilde von Verdrängung und selbstbelügen und ich rutschte in eine wirkliche tiefe Depression und wollte meinem Leben ein Ende setzen, weil ich es nicht aushalten konnte..., ich wußte weder ein, noch aus...
Dann habe ich das erste mal in meinem Leben alles erzählt, einen ganzen Abend und eine ganze Nacht habe ich meiner Frau alles erzählt und musste ihr dann eben auch sagen, dass ich schwul bin und sie trotzdem liebe... es hört sich ja so komisch an, aber es ist nun mal so...
Klar, auch für meine Frau brach eine Welt zusammen, sie fühlte sich belogen und betrogen und es brach eine unerträgliche Eiszeit aus...
Ich offenbarte mich dann noch guten Freunden, aber meine Suizid Gedanken wurde ich nicht los und hatte Angst vor mir selber...
Gottseidank fing sich meine Frau sich wieder so einigermaßen, akzeptierte langsam, was ich ihr gesagt hatte und wir suchten einen gemeinsamen Weg..., klar, wir müssen uns trennen, denn ich würde meiner Frau ihr Leben noch mehr zerstören, als ich es bereits getan habe...
Ich suchte dann eine Psychologin auf, um mich vor einem Suizid zu schützen und ich fing ein großes Coming Out an, ich klärte meine beiden Töchter auf, die zwar Angst vor der Trennung haben, aber mit dem schwul sein keine Probleme haben... meine kleine, 10 Jahre, war sogar mit mir auf die CSD-Parade gegangen und fand es total klasse und wollte gar nicht nach Hause..., sie hatte auf der kölner CSD-Parade ihr Schlüsselerlebnis, der Paradewagen der schwulen und lesbischen Polizei hat es ihr besonders angetan... Als ich sie nach Hause brachte, fragte sie mich, ob die Polizisten auf dem Wagen echt wären und ob sie alle schwul sein..., ich bejahte ihre Frage. Dann legte sie ihren Kopf auf meine Schulter und sagte: Papa, dann ist doch alles in Ordnung!
Meine Chefin und meine Sekretärin wurden von mir informiert, dann der Freundeskreis, zum Schluss noch meine Eltern... Die Reaktionen waren recht unterschiedlich, wobei ich sagen muss, dass ich mir den Teil der Vergewaltigung erspart habe, jedem zu erzählen, es tut mir einfach zu weh, darüber zu sprechen..., besonders froh bin ich bei meinem Stiefvater, er ist Italiener und in einigen Punkten noch etwas katholisch-konservativ, aber er hat mir seine volle Unterstützung zugesagt und schenkt mir jetzt einen Laminatboden für die neue Wohnung und betonte, ich wäre sein Sohn geworden und daran würde sich nichts ändern, egal was noch kommen mag....
Naja, nun bin ich geoutet, ziehe in eine eigene Wohnung und werde versuchen mein Leben in den Griff zu bekommen...
Meine liebe Frau hat es zurzeit verdammt schwer, sie muss das ganze noch verarbeiten und kann es nicht wirklich verstehen, aber wir trennen uns gütlich! Wir werden uns auch erstmal nicht scheiden lassen, wir gehen zwar zum Anwalt, lassen den Unterhalt festlegen und machen eine Gütertrennung, aber ansonsten wollen wir Freunde bleiben, schon alleine wegen den Kindern...
Wir wollen, wenn es uns möglich ist, auch weiter gemeinsam Urlaub machen und uns auch regelmäßig treffen, eine Schlammschlacht bleibt auch aus!
Da unsere Trennung einen sehr eigenartigen Grund hat, gibt es keinen Grund sich zu streiten... und das wahnwitzige ist, seit wir die offizielle Trennung ausgesprochen haben, verstehen wir uns bombig, in den ganzen 13 Jahren Ehe haben wir uns nicht so gut verstanden wie jetzt... Wir sind sogar seit dem bereits mehrmals zusammen ausgegangen und hatten riesigen Spaß dabei...alle Voraussetzungen für eine super geile Freundschaft sind gelegt!

Nun, natürlich plagt mich jetzt die Angst vorm alleine sein und vor dem was da nun kommt, aber ich habe den Weg jetzt bis hierher geschafft, meine komplette Familie, ohne Ausnahme steht hinter mir, meine Kinder lieben mich unverändert, warum sollte ich es nicht weiter schaffen...

So weit ein positives Coming Out eines schwulen Vaters!
Einen herzlichen Gruß und viel Kraft an alle die, die es noch vor sich haben!
Axel



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