| Nicht immer verläuft das Coming-Out eines Schwulen "nach Plan". Man(n) ist sich nicht in jedem Fall schon in der in der Pubertät sicher, homosexuell zu sein und als Schwuler leben zu wollen und zu können. So wie Thomas zum Beispiel. Thomas war 36, seit sieben Jahren verheiratet und Vater zweier kleiner Kinder, als er sich vor zwei Jahren verliebte - in einen Mann. Heute lebt er von seiner Frau getrennt und ist ein schwuler Vater.
In einer Untersuchung des nordrhein-westfälischen Familienministeriums wurde ermittelt, dass rund 700.000 schwule und lesbische Paare in Deutschland Kinder haben. Bis auf wenige Ausnahmen stammen diese Kinder aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen.
Fast alle schwulen Väter hatten schon vor der Ehe sexuelle Erfahrungen mit Männern und haben sich schon mit dem Gedanken auseinandergesetzt, homo-, zumindest aber bisexuell zu sein. Warum haben sie dann trotzdem eine Frau geheiratet?
Konservatives Umfeld drängt Schwule in die Ehe "Ich wusste eigentlich schon mit 17 oder 18 Jahren, dass ich schwul bin. Aber dadurch, dass ich auf dem Land wohnte und eine sehr katholische Erziehung genoss, war das Thema Schwulsein natürlich passé", erzählt der 36-jährige Christian aus Südbayern. Viele schwule Väter haben dies ganz ähnlich erlebt. "Ich dachte halt auch immer, dass diese schwulen Gedanken nur eine vorübergehende Laune der Natur sind. Dann habe ich meine Frau kennen gelernt und geheiratet. Doch die Gefühle für Männer blieben. Wenn ich mit meiner Frau geschlafen habe, dann hab ich mir eigentlich immer einen Mann vorgestellt."
Den meisten Männern gelingt es in der Ehe erst einmal, ihren Wunsch, mit Männern Sex zu haben, zu unterdrücken. Doch die sexuellen Fantasien sind meist stärker als das bewusste Verdrängen. Irgendwann gibt es dann kein Zurück mehr und der Mann muss sich in der Ehe eingestehen, dass er immer noch schwule Gefühle hat.
So ging es auch Thomas aus der Nähe von Köln. Bei dem Vater zweier Kinder war Stress der Auslöser, der seine schwulen Anteile wieder durchbrechen ließ: "Im August 1999 stand meine Meisterprüfung vor der Tür. Mein Nervenkostüm war völlig am Ende. Ich ging in eine Sauna, um zu relaxen und dann saß ER da. Ich habe mich total verliebt in diesen Mann und bekam nichts mehr geregelt zu hause. Die Prüfung, der Geliebte, die Frau, die Kinder, das Haus, die Frage: bist du wirklich schwul? Ich war fix und fertig."
Coming-Out in der Ehe ... und dann? Wenn erst einmal die Erkenntnis gereift ist, dass der Wunsch nach Sex mit Männern nicht auf Dauer zu unterdrücken ist, stehen fast alle schwulen Väter vor einer schwierigen, oftmals entscheidenden Frage: Sollen sie es ihren (Ehe-) Frauen sagen, dass sie sich auch zu Männern hingezogen fühlen? Aus Furcht, Frau und die Kinder zu verlieren, entscheiden sich manche Männer, Sex mit Männern zu haben, ohne dass ihre Familien etwas davon mitbekommen. Doch die Mehrzahl der Männer wagt den Schritt und öffnet sich ihren Frauen gegenüber, auch auf die Gefahr hin, die Partnerin und damit häufig auch erst einmal den Kontakt zu den Kindern zu verlieren.
Wie dieses Coming-Out gegenüber der eigenen Ehefrau und die Zeit danach verläuft, hängt sehr stark von den Reaktionen der Frauen ab. Thomas suchte von sich aus Abstand von seiner Frau, als er sich ihr gegenüber outete: "Am selben Tag zog ich zu meiner Schwester, die in einer WG wohnt. Meine Frau half mir sogar die Koffer packen - sie stand wohl unter Schock." Später verlief nicht immer alles so einfach. "Ich bekam dann abends Anrufe von meiner Frau. Im Hintergrund weinten die Kinder und schrieen nach ihrem Papi. Sie hat mich beschimpft und die schlimmsten Schimpfworte benutzt, die man sich vorstellen kann." Zumindest hätten die Beschimpfungen nichts mit seinem Schwulsein zu tun gehabt, fügt Thomas - seine Frau entschuldigend - hinzu.
Doch die Partnerinnen schwuler Väter können auch anders reagieren, wie das Beispiel von Michael zeigt. Dieser hat nach 25 Ehejahren seiner Frau erzählt, dass er schwul ist: "Irgendwie habe ich es dann geschafft und ihr mit sehr vorsichtigen Worten mitgeteilt, dass ich schwul beziehungsweise bi bin. Sie hat toll reagiert. Sie meinte dass ich dafür doch nichts könne. Sie umarmte mich, uns beiden liefen die Tränen. Sie hat mich nur gebeten, sie nicht zu verlassen. Das hatte ich nie vor." Michael ist immer noch mit seiner Frau zusammen und lebt seine schwulen Fantasien nicht aus. Allerdings ist er sich nicht hundertprozentig sicher, ob er sich nicht doch eines Tages auf einen Mann einlässt. Die gute Beziehung zu seiner Frau will der Vater zweier erwachsener Söhne dafür jedoch nicht aufs Spiel setzen.
Die meisten schwulen Väter leben allein. Sie bleiben jedoch nicht bei Frau und Kindern. Etwa 57 Prozent der Väter lebt allein, 34 Prozent in einer schwulen Partnerschaft. Nur 9 Prozent leben noch bei ihrer Familie, hat die Selbsthilfegruppe schwuler Väter in Köln ermittelt. Die meisten Kinder wissen Bescheid und kommen damit sehr gut klar. "Meine Kinder, vier und sechs Jahre alt, wachsen mit meinem neuen Leben auf. Für sie ist es etwas normales, wenn sie alle 14 Tage übers Wochenende bei mir und meinem Freund sind", berichtet Udo von der Kölner Selbsthilfegruppe.
Auch bei Thomas hat sich das Leben wieder etwas normalisiert. Seine Frau lebt mit einem neuen Partner zusammen und seine Kinder, mittlerweile fünf und sieben Jahre alt, sieht er regelmäßig. Eine Selbsthilfegruppe schwuler Väter, die es in fast allen größeren Städten gibt, hat ihm erst einmal geholfen, mit der Trennung von der Familie zurecht zu kommen. "Zu meiner Frau habe ich jetzt wieder ein ganz ordentliches Verhältnis. Wir brauchen keine Anwälte, regeln alles so, und es läuft eigentlich prima. Sie unterrichtet mich über alles, was mit den Kindern ist, und immer wenn ich die Kinder hole, trinken wir sogar zusammen und reden."
Christian aus Südbayern hat sein Coming-Out zu keiner Zeit bereut. Zwar verlief die Trennung von Frau und Tochter auch nicht ganz schmerzfrei, im Nachhinein war es für ihn aber die richtige Entscheidung. Er und sein Freund wurden bei seinen Eltern freundlich akzeptiert. "Auch meine Großmutter steht voll hinter mir", erzählt er stolz. "Ich ärgere mich eigentlich nur, dass ich mich nicht schon früher geoutet habe." Und allen anderen schwulen Väter, die den Schritt noch nicht getan haben, rät er, das Coming-Out in jedem Fall durchzuziehen. "Die seelische Belastung in der Ehe ist sonst wirklich grausig."
Quelle: www.eurogay.de Redakteur: Mark Prott
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